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ecclesia ex cyber

ecclesia ex cyber

Die Herausforderungen des World Wide Web

an die Welt Weite KircheEs ist schon erstaunlich. So widmete das amerikanische "Time"-Magazin seine Weihnachtsausgabe 1996 dem Thema Religion und Internet: "Jesus Online. How Internet is shaping our views of faith and religion". Selbst die Time macht sich Gedanken, wie sich die Darstellung von Religion und vielleicht sogar die Religion selbst durch das allmächtige Datennetz verändert. Denn manches hat sich bereits verändert. So werben inzwischen tibetanische Mönche mit Glockengeläut im Netz der Netze wie auch die Kommunität von Taizé. Mormonen konstruieren riesige genealogische Datenbanken und stellen sie in das Internet. Von Teheran aus werden die wichtigen schiitischen Korankommentare im WorldWideWeb präsentiert, und selbst orthodoxe Juden senden ganz modern aus aller Welt E-Mails nach Jerusalem, die dort ausgedruckt und dann an die Klagemauer geheftet werden. Religion goes cyber. Ist das ein neuer Trend? Eigentlich nicht. Denn Kultus und Kultur waren immer mit den modernen Medien verbunden!


Ein kleiner medialer Rückblick
Selbst die in Stein gehauenen oder in Ton gebrannten Hieroglyphen der Ägypter wurden als göttliche Erfindung angesehen und vornehmlich für religiöse Zwecke eingesetzt. Seit dem 3. Jahrtausend vor Christus wird dann Papyrus als neues Medium für Dokumente verwandt. Es ist leichter als Ton- oder Steintafeln und sie konnten daher einfacher, schneller und weiter versandt und ausgetauscht werden. So erreichten die Ägypter den ganzen Mittelmeerraum und die ersten Bibliotheken konnten entstehen.

Allerdings ist Papyrus sehr empfindlich. Die berühmteste und umfangreichste der damaligen Bibliotheken, die Bibliothek von Alexandria, verlor im Jahre 47 v. Chr. im Krieg gegen Cäsar den größten Teil ihres Bestandes durch Brand. Hätten die Ägypter doch besser bei den Tontäfelchen bleiben sollen? Die Universität von Michigan scannt die Überreste ein,- nun sind sie überall in der Welt im Internet zu bewundern,- brandgeschützt und absturzsicher gespiegelt auf verschiedenen Servern.

Die nächste technische Neuerung war dann die Erfindung des Pergaments. Eigentlich entsprang sie einer Mangelsituation. Die Papyruspflanze gedieh am Nil, wurde dort im Staatsmonopol verarbeitet,- und die Preise waren entsprechend hoch. Besonders ärgerlich für die Ägypter war, daß die griechische Konkurrenz vom Papyrus profitierte. Das antike Pergamon war ein direkter Konkurrent von Alexandria. So setzten die Ägypter die Griechen im 2. Jh. v. Chr. mit dem "Papyrus-Embargo" unter Druck; ähnliche Vorgehensweisen kennen wir heute aus dem Handel mit Speicherchips. So begann man notgedrungen in Pergamon auf präparierten Tierhäuten zu schreiben. Aus der Not wurde eine Tugend, es entstand das "Papier" aus Pergamon, - das Pergament.

Pergament ist wesentlich haltbarer als Papyrus, man kann es zu einer Sammlung von identisch geschnittenen "Blättern" zusammenbinden, dem Codex. Damit war das Buch geboren. In ihm ließ sich viel leichter und mehr lesen als in den Papyrusrollen. In dieser Form verhalf es der Heiligen Schrift bis zum Ende des Mittelalters zu weiter Verbreitung. Der Inhalt war noch besser und noch weiter zu verteilen als bei der Vorgängertechnik.

Über 1000 Jahre wurde für die Bucherstellung mit der Hand geschrieben und abgeschrieben, es wurden per Hand - daher die Bezeichnung - "Manuskripte" verfaßt. Hilfskräfte, die des Schreibens unkundig waren, zogen dabei die Linien, die sog. Leitlinien, zwischen denen dann die Mönche ihre Schriftzeichen setzten. Nur die Mächtigsten und Reichsten konnten sich Bücher leisten, und - natürlich - die Kirche, die in den Klöstern den Herstellungsprozeß - Form und Inhalt - kontrollierte. So wundert es nicht, daß das Buch vornehmlich für religiöse Zwecke eingesetzt wurde. Dementsprechend schön und aufwendig wurden daher die Bücher ausgestattet. Und ohne die Erfindung des Pergaments hätte die Buchmalerei wohl nie eine derartige Blüte erlebt wie im Hochmittelalter. Die Library of Congress hat eine wunderschöne Ausstellung von alten Dokumenten und mittelalterlichen Abschriften aus der berühmten Bibliothek des Vatikan im Internet durchgeführt, die Vatican Library Exhibit. So kommen die Schriftstücke noch weiter herum und kann nun von viel mehr Menschen bestaunt werden als damals und in den letzten Jahrhunderten.

Interessanterweise wird im 12./13. Jahrhundert eine lebhafte Diskussion über einen Medienwechsel geführt: Sind schriftliche Urkunden glaubwürdiger als menschliche Zeugen? Die Diskussion favorisiert das neue Medium, weil Menschen sterblich sind, Urkunden aber bleiben und die Grenzen von Raum und Zeit überwinden, die den Menschen physiologisch gesetzt sind,- verba volant, scripta manent!,- Internet permanent.

Erst die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern machte die rationelle Herstellung von Büchern möglich. Die Zeitgenossen von Gutenberg erkannten jedoch die Tragweite seiner Erfindung nicht. Zwar verfügte man bereits über das notwendige Papier, das von China nach Europa kam, jedoch versuchte man damals vor allem die sehr hoch stehende Qualität der Manuskripte zu imitieren,- wie auch heute elektronische Journale ihre Vorgänger auf Papier imitieren wollen. Gutenberg selbst - noch stark vom mittelalterlichen Geist geprägt – hat seine erste Bibel 1450 in lateinischer Schrift mit sehr schönen, verzierten aber auch komplizierten Buchstaben ausgestattet. Damit hatte er keinen wirtschaftlichen Erfolg und starb verarmt. Erst die Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache durch Luther schuf etwa hundert Jahre später die Bedingung für die breite Akzeptanz des gedruckten Buches und der Buchdruckerkunst. Luther konnte damit seine Idee außerordentlich weit verbreiten,- und Luthers Verleger wurden reich. Die Druckmaschine wurde zur erfolgreichsten Kampfmaschine der Reformation. Ohne den Druck der Bücher, Flugblätter und Streitschriften hätte sie nie diesen Durchdringungsgrad gehabt. Ideen wurden manifest und kamen somit in die entlegensten Winkel. Dennoch blieben die Bücher lange Zeit der mittelalterlichen Form verhaftet. Tyndales Worms New Testament, das erste gedruckte neue Testament in englischer Sprache, läßt noch deutlich die Nähe zur Kunst der Buchmalerei erkennen. Es ist als eines der Exponate im Treasures Digitalisation Projekt der British Library im Internet zu bewundern.

Im 15./16. Jahrhundert gibt es die zweite Mediendiskussion. Es wird das neue Medium Buchdruck kritisiert, weil es das Wissen der Eliten popularisiere und keine Geheimnisse bewahre, die Reformation begünstige, Kirche und Adel gefährde. Zudem sei das Papier unbeständiger als das Pergament und ganze Berufsgruppen würden arbeitslos, die zuvor mit der Herstellung und dem Beschreiben von Pergament ihr Brot verdient hatten. - Man ahnt schon die dritte Mediendiskussion, als die Blei-Setzer wegrationalisiert wurden, und dann die Rationalisierer von den Rationalisierern, etc. - welch zynischer Euphemismus über ratio -. Die Argumente sind austauschbar. Technik kannibalisiert sich selbst.


Zurück in die Gegenwart

Heute besteht das Alphabet aus bits and bytes. Bücher und Dokumente sind digital geworden, bevor sie irgendwann auf Papier veröffentlicht werden, oder bleiben lediglich als File verfügbar. Moderne Bücher und Texte sind nicht nur im Buchhandel zu finden, sondern werden immer öfter auch als Daten-File auf Diskette, CD oder per E-Mail bzw. HTML-File im Internet weitergereicht. Das elektronische Buch steht in den Startlöchern, die Quelle für den Inhalt bietet das Web. - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft versammeln sich im Internet.

So nehmen mit diesem neuen Medium Internet die Möglichkeiten explosionsartig zu. Noch nie war es so preiswert, komfortabel und schnell möglich, eine Nachricht, eine Brief, Newsletter an 5.000 oder 100.000 Menschen zu verschicken,- es ist lediglich ein Vorgang, der quasi eine Telefoneinheit kostet. Welch Entlastung für die Klosterschreiber und Gutenbergs Setzer und Drucker.


Kirche im WorldWideWeb

So ist es nicht überraschend, daß sich auch die Kirchen dieses Mediums bedienen und seit 1995 die ersten katholischen und evangelischen Websites im WorldWideWeb stehen,- nachdem das Internet bereits 1984 in öffentliche und private Hände übergeben worden ist. So haben sich inzwischen einzelne Cyberchurches gebildet, "Kirchengemeinden", die es nur im Internet gibt. „Baukastenreligonen", die sich von allen Richtungen Anleihen genehmigen gibt es in Massen. Nichts ist unvorstellbar und nichts ist unmöglich. - Wofür die Cao Dai-Sekte in Vietnam Jahre gebraucht hat, dafür benötigt man mit seinem Internet-PC nur noch ein Wochenende ... und: etwas Brahma, etwas Moses, etwas Sir Winston Churchill und dazu einen Schuß Victor Hugo und schon ist die neue Religion fertig. Und für den bunten Tempel braucht man im Internet keine Baugenehmigung. Diese Freiheiten ermöglichen völlig neue Wege.


ScienceFaction

Und so existieren Vorstellungen, daß irgendwann Menschen nur noch einer virtuellen Kirche oder Gemeinschaft angehören und nicht mehr physisch am Leben einer Ortsgemeinde teilnehmen. Den Gemeindebrief gibt es preisgünstig per Email, die Jugend- bis zur Altenarbeit geschieht im Chat, selbst der Kirchenchor singt multimedial aus den verschiedenen Wohnzimmern in real-time dazu. Der Gottesdienst würde dann in einen virtuellen Raum verlegt, bei dem die Teilnehmer per Datenleitung, Kamera und Monitor miteinander verbunden sind. Auch das Problem mit dem Beichtgeheimnis ist behoben, dafür stehen besondere verschlüsselte Leitungen zur Verfügung. Die Absolution ist digital speicherbar und jederzeit zur Hand, kopier- und wiederholbar.

Alles nur Phantastereien? ... in Ansätzen ist manches schon jetzt Realität. Es gibt bereits einen "Online-Bibelkreis" einer Online-Pfarrerin, Initiativen wie "Christsein-Online", "Evangeliumsnetz" und die Diözese "Partenia" des Bischof Gailot existiert im Internet. Bei Beerdigungen wird auch schon angeboten, daß man sich nicht mehr am Grab verabschiedet, sondern - distanziert - vom Monitor aus der Zeremonie beiwohnt. Selbst virtuelle
Grabpflege ist möglich, sowohl für Tamagotschis als auch für Menschen.

Die Kirche in der Post-Gutenberg-Ära

All diese Versuche machen deutlich, Kirche und Gesellschaft stehen vor einem dramatischen Epochenwandel, der Post-Gutenberg-Ära. Vorbei sind die Begrenztheiten von Tontäfelchen, Manuskripten und Büchern. Im Internet ist immer alles jederzeit da,- Ubiquität in neuer Qualität.
Schaut man sich die Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen an, so muß man den Eindruck gewinnen, als ob die Kirchen nur unzureichend für die medialen Veränderungen gerüstet sind. Waren die früheren technischen Entwicklungen eng mit der Kirche verbunden, so stellt man heute eine Distanz aus ängstlicher Skepsis, Unkenntnis und Fehleinschätzung fest. Zu schnell hat sich die Technik des kalten Krieges in die Büros und Kinderzimmer der Republik entwickelt. Manager lernen von ihren Kindern den Umgang mit Emails und die ersten CGI-Skripts. Wer 'Java' für eine neue Kaffeesorte und 'HTML' für eine Supermarktkette hält, hat den Anschluß verpaßt. Und gerade kirchliche Kreise tendieren dazu, die angeblich kalte, abstrakte und in eng gefaßter unbeweglicher Logik gefangene Technik abzulehnen. Dabei muß klar sein, daß nicht nur die Übertragungstechnik die entscheidende Herausforderung ist, sondern noch mehr die Inhalte und der Umgang mit der Vielfalt. Oder theologisch gesprochen: Die Botschaft, die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus, ist zeitgemäß zu verkündigen. Um heute "dem Volk auf's Maul zu schauen", muß man dazu auch im Internet surfen bzw. chatten.

Die dramatischen Veränderungen, die sich durch die fortschreitende Entwicklung des Internets einhergehen, bedürfen der theologischen Reflexion, Stellungnahme und konstruktiv-kritischen Mitgestaltung. In dieser Auseinandersetzung geht es unter anderem um das Verständnis von christlicher Gemeinde. Denn in der ganzen Geschichte der Christenheit wurde die christliche Gemeinde durch die physische Versammlung von Christen konstituiert. Kirche ist dort, wo Glaube verkündigt und das Abendmahl gespendet wird (congregatio sanctorum, in qua evangelium pure docetur et recte administrantur sacramenta, CA VII). Diese Definition wird durch die virtuellen Kirchen und Gemeinden in Frage gestellt. Wenn die Datenleitungskapazitäten ausreichend sind, wird es kein Problem sein, daß sich Abbilder von realen Menschen in virtuellen Gottesdiensträumen treffen. Genügend für eine physische Präsenz, "wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen" (Mt 18,20), die die Sakramentenlehre voraussetzt? Es stünde der Theologie nicht schlecht an, sich dieser neuen Thematiken anzunehmen, bevor die Technik die Fakten und das Problem geschaffen hat.

Gerade aufgrund der Undurchschaubarkeit und Fülle der Angebote - inzwischen gibt es mehrere hundert Millionen von Seiten im Web - werden die Kirchen darauf achten müssen, daß sie in der Menge der Angebote nicht untergehen. Im Internet das Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, ist schwer. Stellte man früher einfach den größten Turm im Gegend, um gefunden zu werden, muß man sich heute mit Meta-Tags und Rankings beschäftigen. Wie will man Zeuge seiner Hoffnung sein, wenn man nicht das Zeug hat, dies darzustellen. - Die Industrie hat längst erkannt, wo der Kunde ist, er sitzt vor dem Internet-PC. Sie holen ihn dort ab, wo er ist. Wo findet die Kirche die "ca. 90%" der Gemeindemitglieder, die nicht mehr über Kanzel, Arbeitskreise, Hausbesuche und Schule erreicht werden? ... teilweise im Netz, und es werden dort täglich mehr. Wenn hier Kirche keine Chance verpassen möchte, muß sie sich auch unausweichlich die Frage nach den Zielen und den Inhalten der christlichen Internet-Präsenz stellen.


Ziele und Inhalte christlicher Präsenz im Internet

Ein Ziel christlicher und kirchlicher Internetarbeit sollte es sein, sowohl die christlich interessierten Menschen als auch die, die ihr fern stehen, anzusprechen. Für beide müssen spezifische Angebote gestaltet werden. Gerade für die "Menschenfischer" bietet das Netz der Netze eine neue Chance, Menschen anzusprechen, die mit traditionellen Methoden nicht mehr erreicht werden können.


Die Chance für Information, Kommunikation und Vernetzung

Dies ist möglich, indem man eine breite Palette von Themenschwerpunkten und Kommunikationsangeboten aufbaut. So sollen aktuelle und interessante - theologische - Themen angeboten werden, die zum Nachdenken, Stöbern und zur Diskussion reizen. Durch Hyperlinks kann man Themen verknüpfen, interessante Aspekte hervorheben und Diskussion entfachen. Gerade in der - zur Zeit modernen - Auseinandersetzung mit anderen Religionen, durch die ökumenische Diskussion können Positionen herausgearbeitet und hinterfragt werden. Je ausgefeilter und breiter ein solches Angebot aufgebaut wird, desto mehr Menschen werden sich dafür interessieren. Besonders attraktiv ist es, wenn diese Seiten durch Ideen und Vorschläge von Webbesuchern aktualisiert und optimiert werden können. So wird diese Webseite zur gemeinsamen Webseite, zur gemeinsamen Welt.

Neben den Informationen ist es auch wichtig, Kontakte zu verschiedenen Stellen anzubieten, aufzubauen und zu pflegen. Eine Kontaktmöglichkeit ist Kommunikation per E-Mail. So können hier - billiger als mit Brief und Fax - Ideen ausgetauscht und Vorschläge eingebracht werden. Zudem ist es ein es ein weiteres Angebot für Seelsorge. Die Voraussetzung sind gerade durch die Anonymität des Internets sehr gut. Auch das Problem der Datensicherheit bei Übermittlungen ist gelöst. Doch wer ein Kommunikationsangebot im Internet macht, der muß sicherstellen, daß die eingehenden Mails auch beantwortet werden. Einem suizidgefährdeten Email-Schreiber muß sofort geholfen werden und ein lokaler Ansprechpartner vermittelt werden, und nicht erst dann, wenn der einzige Online-Pfarrer aus dem Urlaub zurück ist. Und es ist peinlich, wenn es dem Repräsentanten einer kirchlichen Landesinstitution nicht möglich ist, eine per Email zugesandte Standarddatei zu öffnen und zu lesen.
Wichtig ist dabei aber der Punkt, daß hier eine Chance der Vernetzung in der Ortsgemeinde möglich ist und genutzt werden kann. Das Internet-Angebot soll die Anknüpfung bieten von der Netz-Gemeinde zur Orts-Gemeinde. Es soll das Interesse auf sog. Kontakt im IRL - in real life - geweckt werden. Denn dieser persönliche Kontakt hat eine andere und höhere Qualitäten als der über Emails. Hier sind Integrationsmöglichkeiten.


Die Chance für Profilierung und Gemeindearbeit

Der christliche Glaube konkurriert auf dem Markt der Möglichkeiten nicht nur, aber gerade auch im Internet mit allen nur denkbaren Glaubensrichtungen, Religionen, Sekten und esoterischen Zirkeln. Der User kann sich heraussuchen, welche Seite er anwählt, welches Angebot er nutzen möchte. Wir Christen haben keinen exponierten Platz in diesem neuen Medium, das keine Hierarchie und keine Schwerpunkte mehr kennt. Christologie und Pornographie sind nur noch einen Mausklick entfernt. Entscheidend sind allein die Qualität und Attraktivität des Angebots. Der Kunde, der Christ, der Suchende entscheidet.

Dabei kann der Prozeß der Profilierung für das Internet ein segensreicher für die Gemeindearbeit sein. Der Profilierungsprozeß kann dann zum Selbstfindungsprozeß in der Gemeinde werden. Wer sich präsentieren möchte, der muß wissen, was er ist und was er will, dies gilt für die Arbeit in der Ortsgemeinde wie für die Arbeit im Internet. Es ist ein „Rostschutz", sich zu hinterfragen und sich neuen Herausforderungen zu stellen: Wie kann ich heute den Auftrag Jesu Christi in neuen Medien und in neuen Formen manifest und transparent machen? Vielleicht gelingt es bei dieser Arbeit auch, neue Kräfte in der Gemeinde zu entdecken, wenn Fähigkeiten gefragt sind, die vorher nicht gefragt waren. Und gemeinsam Webseiten zu erstellen ist sehr kommunikativ! Es gilt, das Netz für das Netz der Netze auszuwerfen. – Die Geschichte aus der Manuskript- und Buchdruckkunst lehrt uns, daß es nicht reicht, den Gemeindebrief in’s Web zu stellen.

Wichtig ist dabei das Profil, der Stil und die Form christlicher Internet-Angebote. Kirchengemeinden und Landeskirchen sollen sich im Internet auch nicht anders präsentieren als in der "realen Welt". Anbiederungen werden vom Nutzer schnell durchschaut. Das Profil muß erkennbar sein, Repräsentanten live oder in bits and bytes müssen glaubwürdig sein, sonst wird man schnöde weggeklickt.

Dieser Präsentationsprozeß im Internet kann auch ein Selbstreflektions und Selbstfindungsprozeß der Gemeinde sein. Wenn man sich als Gemeinde präsentieren möchte, muß man sich fragen, was bin ich denn, was will ich denn, was habe ich zu bieten, welche Ziele habe ich als Ortsgemeinde und welche habe ich im Web? Es schadet nicht, Bilanz der eigenen Tätigkeit zu ziehen und neue Ziele zu setzen,- und sich auch über die Art und Weise Gedanken zu machen.

Für manchen Internet-Surfer ist es schon fein, wenn die Internet-Angebote positiv überraschen. Wenn die E-Mails schnell beantwortet werden, die Mails wie auch der Schreiber also ernst genommen werden. Es ist gut für das angestaubte Image der Kirche, wenn nicht alles "ewig und drei Tage" dauert, wenn die Menschen sehen, daß Christen nicht nur fromme Lieder singen, sondern auch gute Programmierer oder kreative Designer sind, wenn sie Rat, Hilfe und Unterstützung erfahren durften, die sie auf dieser Welt so nicht bekommen konnten.

Es versteht sich von selbst, daß diese verschiedenen Aktivitäten nur mit einem entsprechend personellen Kapazitäten möglich sind. Hier sind schleunigst und dringend Investitionen in Personal und Ausstattung notwendig. Während ZDF, Spiegel und Focus 40 Personen und mehr in ihren Online-Redaktionen beschäftigen, kann man in unseren Kirchen die Hauptamtlichen immer noch suchen. Dabei suchen heute viele Vikarinnen und Vikare verschiedener Landeskirchen eine Arbeitsstelle, die ihnen die Kirche derzeit nicht bietet. Daher hat die Service-Internetseite von theology.de spezielle Angebote und Job-Suchmaschinen für Theologen.

Ein Engagement im Internet ist nicht die Frage des Geldes, sondern die Frage der Prioritäten. Zum einen ist die neue Technik kostengünstiger, zum anderen muß man sich fragen, ob die Investitionen lediglich in die großen Rechenzentren die einzige High-Tech-Investition sein soll. Mit den anvertrauten Pfunden ist zu wuchern!
Außerdem können Christen einen Beitrag zur Gestaltung einer "Internet-Kultur" leisten, indem sie sich aktiv an der Entwicklung von ethischen Standards beteiligen oder einen vorbildlichen Umgang mit den Net-Citizens pflegen. Auf diese Weise können wir Christen in diesem Medium etwas von der Liebe Gottes, die uns motiviert, weitergeben und von ihr Zeugnis ablegen. Je mehr Christen sich darum aktiv bemühen, desto mehr werden wir gemeinsam an den verschiedenen Ecken des globalen Netzes ausrichten. Haben wir da nicht auch Verantwortung? Wir sollen Verwalter des christlichen Erbes sein und nicht Verweser.

Die Technik schreitet schnell voran, und es gibt keinen Weg zurück. Es stellt sich lediglich die Frage: „Dabei sein oder nicht? Welt und Gesellschaft gestalten oder sich aus der Verantwortung stehlen?" Wenn wir den Auftrag, das Evangelium Jesu Christi verkündigen, wirklich ernst nehmen, kann diese Frage nur mit einem klaren Ja! beantwortet werden. Die Kommunikation des Evangeliums ist christlicher Auftrag. Genau so wie damals Luther die modernste Technik seiner Zeit nutzte, so sollten wir heute die modernste Technik einsetzen und sie nicht allein kommerziellen Zielen überlassen. Die protestantische Tradition hat das „ecclesia semper reformanda" zum Prinzip erklärt. In diesem Bewußtsein sollte die Kirche keine Bange vor neuen Entwicklungen wie dem Internet haben. Sie sollte darin die Chance zum Lernen, zum Gestalten und zur eigenen Reformation sehen.

Otto Ziegelmeier, der „Ex-Vikar von Simeon" 1987 - 1989
der seinem Lehrpfarrer und Freund Roderich Diez viel zu verdanken hat,besonders die Liebe zur Gemeindearbeit, wo immer sie auch sei.

Heute ist der Ex-Vikar Geschäftsführer eines Berufsverbandes, Geschäftsführer eines Consulting Unternehmens und Dozent für Managementlehre, Marketing und PR.
Als Theologe und Pfarrer arbeitet er in verschiedene Gemeinden mit, zudem konzipiert und betreibt er seit Oktober 1999 „theology.de – Die Webseiten für Theologie und Kirche" im Internet: www.theology.de.

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