Frisch, Ralf: Der Kampf mit dem Engel

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Frisch, Ralf: Der Kampf mit dem Engel

Alberto Giacomettis Figuren sind schmal, verletzlich, ausgemergelt – und zugleich von einer ungeheuren Präsenz. Sie wirken, als stünden sie zwischen Welt und Abgrund, zwischen Körper und Geheimnis, zwischen Verlorenheit und unzerstörbarer Würde. Wer ihnen begegnet, sieht nicht einfach Kunstobjekte. Man sieht den Menschen: aufgerichtet, bedroht, suchend, ausgesetzt.

Ralf Frisch nähert sich in „Der Kampf mit dem Engel. Ein theologischer Blick auf Alberto Giacometti“ einem der großen Künstler des 20. Jahrhunderts aus einer Perspektive, die überraschend naheliegt. Denn Giacomettis Werk kreist nicht nur um Form, Raum und Wahrnehmung. Es berührt Grundfragen menschlicher Existenz: Was ist der Mensch? Was bleibt von ihm angesichts von Tod, Einsamkeit und Nichts? Wie kann Präsenz entstehen, wo alles fragil erscheint? Und wo berührt Kunst die Frage nach Gott?

Schon der Titel öffnet einen Deutungsraum. Der Kampf mit dem Engel erinnert biblisch an Jakob am Jabbok: an die Nacht, an das Ringen, an Verwundung und Segen, an eine Begegnung, die den Menschen nicht unversehrt lässt. Giacometti erscheint in Frischs Blick nicht als religiöser Künstler im schlichten Sinn, sondern als einer, der mit der Wirklichkeit ringt. Seine Kunst sucht nicht das Glatte, Fertige, Beruhigende. Sie bleibt im Kampf um das Sichtbare – und gerade darin offen für das Unsichtbare.

Besonders reizvoll ist, dass Frisch Theologie und Kunst nicht äußerlich miteinander verbindet. Er legt Giacometti keine fertigen dogmatischen Antworten über. Vielmehr schaut er genau hin: auf die Figuren, ihre Körperlichkeit, ihre Vereinzelung, ihre aufrechte Haltung, ihre Ferne und Nähe. Aus dieser Wahrnehmung heraus entsteht ein theologisches Gespräch. Die Kunst wird nicht illustriert, sondern ernst genommen. Sie darf fragen, irritieren und eigene Wahrheit entfalten.

Giacomettis Skulpturen zeigen den Menschen nicht als souveränen Beherrscher seiner Welt. Sie zeigen ihn reduziert, ausgesetzt, bedroht – und doch nicht ausgelöscht. Gerade diese Spannung ist theologisch bedeutsam. Der Mensch erscheint als Geschöpf im Angesicht des Nichts, als verletzliche Gestalt, die dennoch Würde trägt. In dieser Kunst liegt keine billige Hoffnung, aber eine unübersehbare Beharrlichkeit: Der Mensch steht. Noch.

Frischs theologischer Blick führt damit mitten hinein in Fragen von Schöpfung, Endlichkeit, Inkarnation und Hoffnung. Was bedeutet es, dass der Mensch leiblich ist? Wie zeigt sich Würde in der Zerbrechlichkeit? Was heißt Gegenwart, wenn alles ins Verschwinden drängt? Und kann Kunst ein Ort sein, an dem die Frage nach Gott neu aufbricht – nicht laut, sondern leise, tastend, im Blick auf den Menschen?

Der Band ist schmal, aber dicht. Das passt zu Giacometti. Auch seine Figuren nehmen wenig Raum ein und verändern doch den Raum, in dem sie stehen. Ähnlich lädt dieses Buch nicht zu einer schnellen kunsthistorischen Übersicht ein, sondern zu konzentrierter Betrachtung. Es eignet sich für Leserinnen und Leser, die Kunst nicht nur sehen, sondern theologisch bedenken möchten.

Für kirchliche Bildungsarbeit, Predigtvorbereitung und spirituelle Kunstbetrachtung bietet „Der Kampf mit dem Engel“ viele Anknüpfungspunkte. Gerade in einer Zeit, in der religiöse Sprache für viele Menschen schwer zugänglich geworden ist, kann Kunst neue Räume öffnen. Giacomettis Figuren sprechen von Angst, Einsamkeit, Ausdauer und Würde – Erfahrungen, die auch theologisch nicht übergangen werden dürfen.

So ist Ralf Frischs Buch ein feines, kluges und nachdenkliches Stück Theologie der Kunst. Es zeigt, wie viel sich entdecken lässt, wenn Theologie nicht vorschnell erklärt, sondern sehen lernt. Giacomettis schmale Gestalten werden dabei zu Zeugen einer großen Frage: Was ist der Mensch – und welches Geheimnis hält ihn aufrecht?

Ralf Frisch
Der Kampf mit dem Engel
Ein theologischer Blick auf Alberto Giacometti

108 S.
978-3-290-18773-6
22.00 Euro

Theologischer Verlag Zürich

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