Manzke, Karl-Hinrich / Blanke, Helmut: Mittendrin statt außen vor!

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Manzke, Karl-Hinrich / Blanke, Helmut: Mittendrin statt außen vor!

Kirche steht nicht außerhalb der Gesellschaft. Sie lebt mitten in ihr: in Städten und Dörfern, in Schulen und Krankenhäusern, in Seelsorge und Diakonie, in öffentlichen Debatten und persönlichen Lebensgeschichten. Doch gerade in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft wird neu fraglich, welche Rolle die Evangelische Kirche öffentlich spielen kann und soll. Soll sie mahnen? Vermitteln? Widersprechen? Zusammenführen? Oder vor allem zuhören?

Karl-Hinrich Manzke und Helmut Blanke gehen in „Mittendrin statt außen vor! Zur Rolle der Evangelischen Kirche in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft“ dieser Frage nach. Schon der Titel markiert eine klare Richtung: Kirche darf sich nicht aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Sie ist nicht Beobachterin am Rand, sondern Teil des gesellschaftlichen Lebens. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, sich über die Gesellschaft zu stellen, sondern in ihr präsent, gesprächsfähig und verantwortlich zu handeln.

Das Buch setzt bei einer Situation an, die viele Menschen erleben: Debatten werden härter, politische Lager entfernen sich voneinander, moralische Gewissheiten stehen einander unversöhnlich gegenüber. In solchen Zeiten wird auch kirchliches Reden schwieriger. Wer sich äußert, wird schnell vereinnahmt oder angegriffen. Wer schweigt, wirkt gleichgültig. Wer vermitteln will, gerät zwischen die Fronten. Gerade deshalb braucht es eine reflektierte öffentliche Rolle der Kirche.

Manzke und Blanke fragen nach dem protestantischen Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft. Dabei geht es nicht um parteipolitische Positionierung und auch nicht um eine Kirche, die sich selbst als oberste moralische Instanz versteht. Vielmehr steht die Frage im Raum, wie evangelischer Glaube zur Stärkung des Gemeinwesens beitragen kann: durch Orientierung, durch Gesprächsfähigkeit, durch die Erinnerung an Menschenwürde, Freiheit, Verantwortung und Versöhnung.

Besonders wertvoll ist die kritische Auseinandersetzung mit einem verbreiteten Kirchenbild: der Kirche als Wächterin über Moral, Menschenwürde und Barmherzigkeit. Dieses Bild hat Stärken, weil es an die öffentliche Verantwortung des Glaubens erinnert. Es kann aber auch problematisch werden, wenn Kirche vor allem belehrend auftritt und dadurch den Eindruck erweckt, sie stehe außerhalb oder oberhalb gesellschaftlicher Konflikte. Eine evangelische Kirche in der Demokratie muss anders präsent sein: nicht von oben herab, sondern mittendrin.

Gerade darin liegt die Stärke des Bandes. Er denkt Kirche nicht zuerst als Kommentatorin gesellschaftlicher Entwicklungen, sondern als Akteurin im modernen Verfassungsstaat. Das ist ein wichtiger Unterschied. Kirche ist Teil der Zivilgesellschaft. Sie bringt Erfahrungen aus Gemeinden, Seelsorge, Diakonie, Bildung und öffentlicher Verantwortung ein. Sie verfügt nicht über fertige Lösungen für alle politischen Konflikte, aber sie kann Räume eröffnen, in denen Menschen einander wahrnehmen, Widerspruch aushalten und nach dem Gemeinsamen suchen.

Für theology.de ist dieses Buch besonders interessant, weil es eine Grundfrage gegenwärtiger kirchlicher Existenz aufnimmt: Wie bleibt Kirche öffentlich relevant, ohne moralistisch zu werden? Wie kann sie klar sein, ohne zu polarisieren? Wie kann sie Dialog fördern, ohne eigene Überzeugungen preiszugeben? Und wie kann sie vom Evangelium her sprechen, ohne den säkularen Staat religiös vereinnahmen zu wollen?

Wohltuend ist der realistische Ton. Das Buch erwartet von der Kirche nicht, dass sie gesellschaftliche Spaltungen allein heilt. Es nimmt aber ernst, dass Kirche über Ressourcen verfügt, die heute dringend gebraucht werden: die Fähigkeit zur Seelsorge, die Übung im Umgang mit Schuld und Vergebung, die Sprache der Hoffnung, die Aufmerksamkeit für die Schwachen und die Erinnerung daran, dass Menschen mehr sind als ihre politischen Meinungen.

Auch die biographischen Hintergründe der Autoren geben dem Buch Gewicht. Karl-Hinrich Manzke war Gemeindepfarrer, Superintendent, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe, Catholica-Beauftragter der VELKD und ist Beauftragter der EKD für die Seelsorge in der Bundespolizei; Helmut Blanke war Gemeindepfarrer, Superintendent und Evangelischer Dekan der Bundespolizei. Beide schreiben also nicht nur theoretisch über Kirche in der Öffentlichkeit, sondern aus langjähriger kirchlicher Leitungs-, Seelsorge- und Praxiserfahrung heraus.

So ist „Mittendrin statt außen vor!“ ein wichtiger Beitrag zur Frage, wie Evangelische Kirche in einer polarisierten Gesellschaft präsent sein kann. Der Band erinnert daran: Kirche muss nicht lauter sein als andere. Aber sie sollte hörbar bleiben – als Stimme der Verantwortung, als Ort des Gesprächs und als Gemeinschaft, die mitten in der Gesellschaft vom Evangelium her lebt.

Karl-Hinrich Manzke / Helmut Blanke
Mittendrin statt außen vor!
Zur Rolle der Evangelischen Kirche in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft
Forum Ethik, Band 4

128 S.
978-3-374-08070-0
29,00 €

Evangelische Verlagsanstalt

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