Werbick, Jürgen: Vom Anfang, der nicht aufhört anzufangen
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Werbick, Jürgen: Vom Anfang, der nicht aufhört anzufangen
Glaube beginnt nicht nur einmal. Er fängt immer wieder an: nach Zweifeln, nach Enttäuschungen, nach Krisen, nach Zeiten der Müdigkeit. Gerade darin liegt etwas zutiefst Christliches. Der Anfang des Glaubens ist nicht bloß ein biographischer Moment, sondern eine bleibende Verheißung. Gott eröffnet Zukunft – auch dort, wo Menschen mit ihrer Kraft, ihrer Gewissheit oder ihrer Kirche an Grenzen kommen.
Jürgen Werbicks „Vom Anfang, der nicht aufhört anzufangen. Stationen verheißungsvollen Glaubens“ ist ein Lesebuch im besten Sinn. Es versammelt Texte aus mehreren Jahrzehnten und lässt dabei Grundmotive eines theologischen Denkens sichtbar werden, das suchend, kritisch, glaubensnah und zugleich intellektuell redlich bleibt. Herausgegeben wurde der Band von Siegfried Kleymann, Martin Rohner und Stefan Walser.
Schon der Titel trägt eine starke geistliche Bewegung in sich. Der Glaube lebt aus einem Anfang, der nicht abgeschlossen ist. Er bleibt unterwegs. Er darf fragen, zweifeln, neu sehen, hoffen, beten. Wer so vom Glauben spricht, schützt ihn vor Erstarrung. Christlicher Glaube ist dann nicht Besitz, den man verwaltet, sondern Beziehung, die sich immer neu öffnet – auf Gott hin, auf die Welt hin, auf die Menschen hin.
Werbick gehört zu den Theologen, die Glauben und Denken nicht gegeneinander ausspielen. Als Fundamentaltheologe fragt er nach der Verantwortbarkeit des Glaubens vor der Vernunft. Doch seine Theologie bleibt nicht im akademischen Raum stehen. Sie hat eine geistliche, seelsorgerliche und kirchliche Tiefendimension. Man spürt: Hier ringt jemand darum, wie Glaube heute sagbar bleibt, ohne sich zu vereinfachen.
Die Texte führen entlang großer Themen: die Frage nach Gott, das Leben aus seinem Geist, die Lebensweise Jesu Christi, die Hoffnung des Gebets, die Krise und Möglichkeit der Kirche. Dabei entsteht keine geschlossene Dogmatik, sondern ein Weg durch Stationen des Glaubens. Gerade diese Form passt zum Titel. Glauben wird nicht als System vorgestellt, sondern als Bewegung, als Nachdenken, als geistliche Aufmerksamkeit.
Besonders anregend ist Werbicks Blick auf die Kirche. Kirche erscheint nicht als fertige, unangefochtene Gestalt, sondern als fragile, immer wieder gefährdete und doch verheißungsvolle Wirklichkeit. Sie kann unmöglich scheinen – und bleibt dennoch der Ort, an dem Menschen nach Gottes Nähe fragen, das Evangelium hören, Hoffnung teilen und Verantwortung übernehmen. Wer die Kirche liebt, darf sie kritisch sehen. Wer sie kritisiert, muss sie nicht aufgeben.
Die Stärke des Bandes liegt in der Verbindung von theologischer Präzision und geistlicher Lesbarkeit. Werbick schreibt nicht glatt, aber zugänglich. Er denkt nicht fromm an der Vernunft vorbei, sondern sucht eine Sprache, in der Glauben heute bestehen kann. Das macht die Texte für Predigt, Katechese, Erwachsenenbildung und persönliche Lektüre gleichermaßen wertvoll.
Manche Beiträge tragen sicher die Spuren ihrer Entstehungszeit. Doch gerade das ist reizvoll. Über mehrere Jahrzehnte hinweg wird sichtbar, welche Fragen geblieben sind: Wie kann man von Gott sprechen? Was trägt das Gebet? Wie kann Kirche glaubwürdig sein? Wie lebt man aus der Hoffnung, wenn die Welt und die Kirche nicht so sind, wie sie sein sollten? Diese Fragen haben nichts von ihrer Dringlichkeit verloren.
Für Leserinnen und Leser von theology.de bietet der Band eine wohltuende Alternative zu schnellen kirchlichen Diagnosen. Werbick denkt nicht in Parolen, sondern in Suchbewegungen. Er hilft, Glauben als verheißungsvolle Lebensform wahrzunehmen: nicht weltfremd, nicht selbstgewiss, nicht resigniert, sondern offen für den Anfang, den Gott immer wieder schenkt.
So ist „Vom Anfang, der nicht aufhört anzufangen“ ein schönes, gehaltvolles und geistlich anregendes Buch. Es lädt dazu ein, Jürgen Werbicks Theologie kennenzulernen oder neu zu entdecken. Vor allem aber erinnert es daran, dass christlicher Glaube Zukunft hat – nicht, weil alles sicher wäre, sondern weil Gottes Anfangskraft nicht erschöpft ist.
Jürgen Werbick
Vom Anfang, der nicht aufhört anzufangen
Stationen verheißungsvollen Glaubens
Herausgegeben von Siegfried Kleymann, Martin Rohner und Stefan Walser
256 S.
978-3-7867-3426-0
28,00 €