Demokratie lebt vom Mitmachen

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Demokratie lebt vom Mitmachen

Julius-Rumpf-Preis 2026 für das Netzwerk für Demokratische Kultur Wurzen

Demokratie ist mehr als eine Staatsform. Sie lebt davon, dass Menschen sich einmischen, Verantwortung übernehmen, andere Meinungen aushalten und fair miteinander streiten. Wo das geschieht, wird Demokratie zur politischen Lebensform der Freiheit.

Der Julius-Rumpf-Preis 2026 der Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung geht an das Netzwerk für Demokratische Kultur e. V. (NDK) in Wurzen. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis würdigt den Verein für seinen beharrlichen und wirksamen Einsatz gegen nationalistische und demokratiefeindliche Entwicklungen.

Die Auszeichnung wurde am 13. Juni 2026 im Dom zu Wurzen verliehen. Die Laudatio hielt der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Er kennt das Netzwerk seit seinen Anfängen und würdigte dessen Arbeit als unverzichtbaren Beitrag zu einer demokratischen Zivilgesellschaft.

Widerstand gegen rechte Gewalt und Wegsehen

Das NDK entstand 1999. In Wurzen prägten damals rechtsextreme Gewalt, Einschüchterung und ein Klima des Wegsehens das öffentliche Leben. Jugendliche, die sich dagegen wehrten, wurden beschimpft und als „Nestbeschmutzer“ abgetan. Aus diesem Widerstand entwickelte sich ein Netzwerk, das Demokratie, Vielfalt und Zivilgesellschaft stärken will.

Die Arbeit hat Spuren hinterlassen. Rechtsextreme Gruppen bestimmen das Stadtbild Wurzens heute nicht mehr in derselben Weise wie in den 1990er Jahren. Doch die Herausforderungen sind nicht verschwunden. Politischer Druck, Anfeindungen und geplante Kürzungen öffentlicher Fördermittel bedrohen die Arbeit des Vereins erneut.

Thierse nannte das NDK einen „geschützten Ort der Demokratiearbeit, des Gesprächs, der Pflege und Bildung zivilgesellschaftlichen Geistes“. Gerade deshalb verdiene es politische Unterstützung und gesellschaftliche Solidarität.

Demokratie ist keine Dienstleistung

In seiner Laudatio beschrieb Wolfgang Thierse die gegenwärtige Lage mit großer Nüchternheit. Viele Menschen seien angesichts von Kriegen, wirtschaftlichen Unsicherheiten, Migration, Klimakrise, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz verunsichert. Das Bedürfnis nach einfachen, schnellen und schmerzlosen Lösungen sei verständlich – aber gefährlich.

Populistische Bewegungen lebten von der Vorstellung, eine starke Führung könne alle Probleme rasch beseitigen. Demokratie funktioniere jedoch anders. Sie brauche Zeit, Verfahren, Kompromisse und die Bereitschaft, unterschiedliche Interessen wahrzunehmen.

„Die wirkliche Demokratie ist keine Talkshow, sie ist keine Veranstaltung von Wundern“, sagte Thierse. Sie sei mühsam, konfliktanfällig und manchmal enttäuschend. Aber gerade darin liege ihre Stärke: Sie ermögliche Beteiligung, Gewaltenteilung, freie Medien, unabhängige Gerichte und den Schutz von Minderheiten.

Demokratie werde dort beschädigt, wo Bürgerinnen und Bürger sich nur noch als Konsumenten verstehen: „Die da oben“ sollen liefern, und wenn sie das nicht schnell genug tun, werden Politik und ihre Akteure verachtet. Thierse warnte vor solchen „gefährlich illusionären“ Erwartungen. Es gebe in einer Zeit tiefgreifender Krisen keine Politik, die alle Konflikte schmerzlos auflösen könne.

Engagement, Einmischung und fairer Streit

Thierse formulierte einen Satz, der über Wurzen hinausweist: Erst durch „Engagement, Einmischung, Bereitschaft zum fairen Streit, Respekt vor anderer Meinung [und] Berücksichtigung anderer Interessen“ werde Demokratie zur politischen Lebensform der Freiheit.

Das klingt unspektakulär. Doch es beschreibt eine Haltung, die in einer Zeit von Hass, Verachtung und digitalen Empörungsschleifen kostbar geworden ist. Demokratie beginnt nicht nur im Parlament. Sie beginnt im Gespräch mit Nachbarn, Kolleginnen, Freunden und Verwandten. Sie zeigt sich darin, ob wir zuhören, widersprechen können, ohne zu entmenschlichen, und ob wir für Menschen eintreten, die angegriffen oder ausgegrenzt werden.

Theologisch: Freiheit braucht Verantwortung

Für Christinnen und Christen ist Demokratie kein Heilsversprechen. Kein politisches System kann das Reich Gottes herstellen. Aber christlicher Glaube gibt starke Gründe, die freiheitliche Demokratie zu schützen.

Die Bibel erinnert daran, dass jeder Mensch von Gott her Würde besitzt. „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“ (1. Mose 1,27). Darum darf niemand auf Herkunft, Leistung, Religion, Hautfarbe, Geschlecht oder politische Nützlichkeit reduziert werden.

Jesus stellt den Nächsten in die Mitte – gerade den übersehenen, verletzten und ausgegrenzten Menschen. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird deutlich: Nächstenliebe fragt nicht zuerst, wer zu „uns“ gehört. Sie fragt: Wer braucht meine Hilfe? (Lukas 10,25–37).

Auch der Apostel Paulus verbindet Freiheit und Verantwortung: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1). Diese Freiheit ist keine Erlaubnis zur Rücksichtslosigkeit. Sie erfüllt sich vielmehr darin, „durch die Liebe einander zu dienen“ (Galater 5,13).

Demokratische Kultur braucht genau das: Freiheit, die nicht nur die eigene Stimme sichern will, sondern auch die Würde und Freiheit anderer schützt. Sie braucht Menschen, die nicht wegsehen, wenn Ressentiments, Rassismus, Antisemitismus oder Gewalt den Alltag vergiften.

Ein Preis als Ermutigung

Martina Glass, Geschäftsführerin des NDK, bezeichnete die Auszeichnung als große Ehre und zugleich als Herausforderung. Der Verein dürfe mit seiner Arbeit nicht aufhören, auch wenn Widerstände wachsen. Die Anerkennung und Unterstützung machten Mut, weiterzumachen.

Der Julius-Rumpf-Preis erinnert an den Wiesbadener Pfarrer Julius Rumpf, der Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete. Er wird alle zwei Jahre an Menschen und Organisationen vergeben, die sich für Menschenrechte und eine demokratische Alltagskultur einsetzen.

Auch die Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung knüpft mit ihrer Arbeit an das Zeugnis von Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller an. Beide widersprachen dem Nationalsozialismus, beide wurden inhaftiert, Bonhoeffer wurde kurz vor Kriegsende ermordet. Ihr Erbe erinnert daran: Christlicher Glaube darf nicht unpolitisch werden, wenn Menschenwürde, Freiheit und Wahrheit bedroht sind.

Das Netzwerk für Demokratische Kultur in Wurzen zeigt, wie dieser Auftrag heute aussehen kann: nicht mit großen Parolen, sondern mit Geduld, Zivilcourage, Gesprächsbereitschaft und einem langen Atem.

Demokratie bleibt verletzlich. Sie braucht Menschen, die sie nicht nur gut finden, sondern sie im Alltag leben.

Download

Wolfgang Thierse: Laudatio zur Verleihung des Julius-Rumpf-Preises 2026 an das Netzwerk für Demokratische Kultur e. V. Wurzen [PDF zum Download]

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