Bucher, Anton A.: Katholische Kindheit

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Bucher, Anton A.: Katholische Kindheit

Manche Kindheiten sind von Gerüchen, Ritualen, Bildern und Sätzen geprägt, die ein ganzes Leben lang nachklingen. Für viele Menschen gehörten dazu Weihwasser, Rosenkranz, Erstkommunion, Beichte, Fronleichnam, Papstsegen, Sonntagspflicht und eine religiöse Sprache, die nicht nur die Kirche, sondern auch Familie, Schule, Dorf, Stadt und Alltag durchdrang. Vieles davon ist heute verschwunden oder nur noch in Spuren vorhanden. Doch gerade deshalb lohnt es sich, diese Welt zu erinnern.

Anton A. Bucher erzählt in seinem Buch „Katholische Kindheit. Erinnerungen an eine verschwindende Welt“ von einer Lebenswelt, die für Millionen Jungen und Mädchen prägend war. Es ist ein Erinnerungsbuch über katholische Sozialisation, über Rituale, Gebote, Frömmigkeitsformen, Familienprägungen und kirchliche Selbstverständlichkeiten, die bis weit in den Alltag hineinreichten. Wer selbst in einem katholischen Milieu aufgewachsen ist, wird vieles wiedererkennen. Wer diese Welt nur aus Erzählungen kennt, erhält einen anschaulichen Zugang zu einer religiösen Kultur, die noch vor wenigen Jahrzehnten viele Biographien tief geprägt hat.

Besonders eindrücklich ist, wie Bucher die konkrete Erfahrungswelt katholischer Kindheit lebendig werden lässt. Es geht um Ostern und Weihnachten, um Beichte und Erstkommunion, um Heilige, Gebete, Segnungen, Prozessionen und die Ordnung des Kirchenjahres. Diese Welt war reich an Zeichen und Symbolen. Sie gab Halt, strukturierte das Leben und vermittelte vielen Kindern das Gefühl, in eine größere göttliche Ordnung eingebunden zu sein.

Doch Bucher verklärt diese Vergangenheit nicht. Katholische Kindheit hatte helle, glückliche Seiten – Geborgenheit, Gemeinschaft, Festlichkeit, Sinn und religiöse Tiefe. Sie hatte aber auch dunkle Seiten: Angst, moralischen Druck, Schuldgefühle, religiöse Kontrolle und eine Frömmigkeit, die Kinder nicht immer frei atmen ließ. Gerade diese Spannung macht das Buch glaubwürdig. Es erzählt nicht nostalgisch nach dem Motto „früher war alles besser“, sondern erinnert differenziert an eine Welt, die Menschen getragen und zugleich belastet hat.

Für theology.de ist dieses Buch auch aus evangelischer Perspektive interessant. Denn es geht nicht nur um katholische Besonderheiten. Es geht um die größere Frage, wie Glaube gelernt wird. Welche Bilder von Gott prägen Kinder? Welche Rituale geben Halt? Welche religiösen Erzählungen trösten – und welche können Angst machen? Was bedeutet es, wenn religiöse Sprache in Familien, Schulen und Gemeinden verschwindet? Und was bleibt von einer Kindheitsfrömmigkeit, wenn Menschen erwachsen werden?

Anton A. Bucher bringt dafür eine besondere Sensibilität mit. Als Religionspädagoge und Forscher zu Religiosität, Spiritualität und Glück fragt er nicht nur historisch, sondern auch biographisch und psychologisch aufmerksam. Er weiß um die prägende Kraft früher religiöser Erfahrungen. Gerade deshalb liest sich dieses Buch nicht nur als private Rückschau, sondern als Beitrag zum Nachdenken über religiöse Sozialisation insgesamt.

Wohltuend ist, dass „Katholische Kindheit“ weder Abrechnung noch Verklärung ist. Das Buch bewahrt Erinnerungen, ohne sie unkritisch zu idealisieren. Es nimmt ernst, dass religiöse Prägung etwas Kostbares sein kann – und zugleich verletzlich macht, wenn sie mit Angst, Enge oder falscher Autorität verbunden wird. Darin liegt seine Stärke: Es lässt Raum für Dankbarkeit und Kritik, für Wiedererkennen und Widerspruch.

Für Menschen, die selbst katholisch aufgewachsen sind, dürfte das Buch viele Erinnerungen wecken. Für jüngere Leserinnen und Leser öffnet es ein Fenster in eine religiöse Welt, die ihnen oft fremd geworden ist. Für Theologinnen und Theologen, Religionspädagoginnen und Religionspädagogen, Seelsorgende und kirchlich Interessierte bietet es wertvolle Impulse, um über Traditionsabbruch, Säkularisierung und die Zukunft religiöser Bildung nachzudenken.

So ist „Katholische Kindheit“ ein persönliches, nachdenkliches und wichtiges Erinnerungsbuch. Es bewahrt eine verschwindende Welt vor dem Vergessen – nicht, um sie zurückzuholen, sondern um zu verstehen, was sie Menschen gegeben, zugemutet und hinterlassen hat. Gerade darin liegt seine Bedeutung: Es erzählt von früher und hilft zugleich, die religiöse Gegenwart besser zu verstehen.

Anton A. Bucher
Katholische Kindheit
Erinnerungen an eine verschwindende Welt

208 S.
978-3-8436-1637-9
20,00 €

Patmos Verlag

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