Dietz, Thorsten / Hinsenkamp, Maria: Christlicher Nationalismus in den USA
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Dietz, Thorsten / Hinsenkamp, Maria: Christlicher Nationalismus in den USA
Religion kann Menschen stärken, trösten und zur Verantwortung rufen. Sie kann aber auch politisch aufgeladen, national vereinnahmt und zur Legitimation von Machtansprüchen missbraucht werden. Gerade deshalb ist das Thema christlicher Nationalismus für Theologie und Kirche so dringlich. Es berührt die Frage, was geschieht, wenn christliche Sprache nicht mehr dem Evangelium, sondern der politischen Selbstbehauptung dient.
Der von Thorsten Dietz und Maria Hinsenkamp herausgegebene Band „Christlicher Nationalismus in den USA. Theologische Erkundungen zu Geschichte und Profil einer global einflussreichen Bewegung“ nimmt diese Entwicklung sorgfältig in den Blick. Der Fokus liegt auf den USA, doch die Fragestellung reicht weit darüber hinaus. Denn christlicher Nationalismus ist längst nicht nur ein amerikanisches Phänomen. Seine Motive, Netzwerke und politischen Wirkungen strahlen international aus – auch in den deutschsprachigen Raum.
Das Buch fragt nicht nur politikwissenschaftlich oder soziologisch, sondern ausdrücklich theologisch. Das ist entscheidend. Denn christlicher Nationalismus arbeitet mit theologischen Begriffen, biblischen Bildern, Frömmigkeitsformen und endzeitlichen Deutungen. Wer ihn verstehen will, muss deshalb fragen, welche Gottesbilder, Menschenbilder, Geschichtsdeutungen und Machtvorstellungen hier wirksam werden. Es genügt nicht, nur auf Wahlverhalten oder Parteipolitik zu schauen.
Besonders hilfreich ist die historische Einordnung. Christlicher Nationalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Er steht in Verbindung mit der Geschichte der christlichen Rechten, mit Kulturkampfrhetorik, mit fundamentalistischen und neocalvinistischen Strömungen, aber auch mit pfingstlich-charismatischen und neocharismatischen Dynamiken. Das Inhaltsverzeichnis zeigt diese Linien deutlich: Von der christlichen Rechten über charismatische Prägungen bis hin zu reformierten und evangelikalen Einflüssen im deutschen Kontext wird ein breites Feld erschlossen.
Dabei wird sichtbar: Es gibt nicht die eine geschlossene Ideologie des christlichen Nationalismus. Vielmehr verbinden sich unterschiedliche Milieus, Narrative und Interessen. Manche betonen eine angeblich christliche Nation, andere kämpfen gegen eine liberale und plurale Gesellschaft, wieder andere verbinden religiöse Erweckungssprache mit autoritären politischen Vorstellungen. Gerade diese Vielgestaltigkeit macht die Bewegung gefährlich – und ihre theologische Analyse notwendig.
Für Kirchen in Deutschland ist der Band besonders wichtig, weil er zur Wachsamkeit hilft. Nicht jede konservative Frömmigkeit ist christlicher Nationalismus. Nicht jede politische Positionierung von Christinnen und Christen ist problematisch. Aber dort, wo das Evangelium mit nationaler Identität verschmilzt, wo politische Gegner dämonisiert werden, wo autoritäre Führungsfiguren religiös legitimiert werden oder wo Machtstreben als geistlicher Kampf erscheint, wird eine Grenze überschritten.
Die Beiträge erinnern daran, dass christlicher Glaube nicht harmlos bleibt, wenn er sich mit Herrschaftsideologien verbindet. Das Kreuz Christi steht quer zu nationaler Überhöhung, ethnischer Ausgrenzung und religiös begründeter Machtpolitik. Christliche Hoffnung ist nicht identisch mit dem Sieg einer politischen Bewegung. Und das Reich Gottes darf nicht mit einem Staat, einer Partei oder einer kulturellen Ordnung verwechselt werden.
Stark ist der Band dort, wo er theologische Selbstprüfung ermöglicht. Er fragt nicht nur: Was geschieht in den USA? Sondern auch: Welche Denkformen könnten bei uns anschlussfähig sein? Wo werden Feindbilder gepflegt? Wo ersetzt Kulturkampf das Evangelium? Wo wird aus berechtigter Sorge um gesellschaftliche Entwicklungen eine religiös aufgeladene Sehnsucht nach autoritärer Ordnung?
Die Lektüre ist anspruchsvoll, aber lohnend. Sie hilft, gegenwärtige Entwicklungen differenziert zu verstehen und vorschnelle Urteile zu vermeiden. Gerade weil der Begriff „christlicher Nationalismus“ leicht polemisch verwendet werden kann, braucht es theologische Präzision. Dieser Band leistet dazu einen wichtigen Beitrag.
Für Pfarrerinnen und Pfarrer, Religionslehrkräfte, Studierende, kirchliche Leitungsverantwortliche und politisch wache Christinnen und Christen bietet „Christlicher Nationalismus in den USA“ eine notwendige Orientierung. Das Buch eignet sich besonders für alle, die verstehen wollen, warum bestimmte rechte und autoritäre Bewegungen für Teile christlicher Milieus attraktiv werden – und wie ihnen theologisch verantwortet widersprochen werden kann.
So ist der Band ein wichtiger Beitrag zur Unterscheidung der Geister. Er zeigt, dass Theologie nicht neutral bleiben kann, wenn christliche Sprache zur Legitimation von Ausgrenzung, Machtstreben und politischer Absolutsetzung gebraucht wird. Christlicher Glaube lebt aus der Freiheit des Evangeliums – und gerade deshalb widerspricht er jeder Versuchung, Gott, Nation und politische Macht zu einem heiligen Bündnis zu verschmelzen.
Thorsten Dietz / Maria Hinsenkamp, Hg.
Christlicher Nationalismus in den USA
Theologische Erkundungen zu Geschichte und Profil einer global einflussreichen Bewegung
240 S.
978-3-16-164862-5
24,00 €