Drewermann, Eugen: Allerleirauh – Die Gänsemagd
Drewermann, Eugen: Allerleirauh – Die Gänsemagd
Märchen sind keine harmlosen Geschichten. Sie erzählen von Angst und Rettung, von Verlorenheit und Wandlung, von Gewalt, Abhängigkeit, Entfremdung und der mühsamen Rückkehr zu sich selbst. Gerade weil sie nicht psychologisch erklären, sondern in Bildern sprechen, reichen sie oft tiefer als direkte Belehrung. Eugen Drewermann hat diese Tiefe seit Jahrzehnten erschlossen. In „Allerleirauh – Die Gänsemagd“ wendet er sich zwei Grimm’schen Märchen zu, die von verletzter Würde und gefährdeter Identität erzählen.
Der Untertitel benennt die Richtung: „Von Trauma, Abhängigkeit und ihrer Überwindung“. Drewermann liest „Allerleirauh“ und „Die Gänsemagd“ nicht als Kindererzählungen, sondern als symbolische Verdichtungen seelischer Erfahrungen. In beiden Märchen geht es um junge Frauen, deren Leben durch familiäre Machtverhältnisse, Angst, Schweigen und Fremdbestimmung schwer belastet wird. Der Weg der Märchen führt nicht an dieser Not vorbei, sondern hindurch.
In „Allerleirauh“ steht die Erfahrung sexueller Bedrohung im Zentrum. Eine Tochter muss vor dem Vater fliehen, der die Grenze des Menschlichen und Väterlichen überschreitet. Drewermann nimmt diese düstere Konstellation ernst. Das Märchen spricht von Trauma, von Scham, Tarnung, Verstummen und der langen Suche nach einem Ort, an dem das bedrohte Selbst wieder sichtbar werden darf. Dass diese Geschichte in symbolischen Bildern erzählt wird, mindert ihre Wucht nicht. Im Gegenteil: Gerade das Märchen kann aussprechen, was direkte Sprache kaum trägt.
„Die Gänsemagd“ führt in eine andere, aber ebenfalls zerstörerische Form von Abhängigkeit. Hier geht es um Identitätsraub, um das Verstummen der Wahrheit, um Unterwerfung und darum, wie schwer es ist, sich aus einem Geflecht von Angst und Loyalität zu lösen. Drewermann deutet diese Geschichte als Weg aus innerer Fremdbestimmung zur selbstbewussten Person. Die Frage lautet nicht nur: Wer hat mir etwas genommen? Sondern auch: Wie finde ich die Stimme wieder, die mir genommen wurde?
Der besondere Wert des Buches liegt darin, dass Drewermann Märchen als Seelengeschichten liest. Er fragt nicht zuerst, was historisch hinter ihnen steht, sondern welche inneren Wahrheiten sie bewahren. Das ist typisch für seine tiefenpsychologische Hermeneutik. Bilder, Tiere, Kleider, Wege, Prüfungen, Verwandlungen und Schweigen werden zu Zeichen seelischer Prozesse. Wer so liest, entdeckt, dass Märchen keine einfachen Moralgeschichten sind, sondern Modelle von Heilung.
Dabei geht es Drewermann nicht um schnelle Trostformeln. Trauma und Abhängigkeit lassen sich nicht durch einen ermutigenden Satz auflösen. Sie prägen Körper, Erinnerung, Beziehungen und Selbstbild. Märchen wissen davon. Sie zeigen, dass Heilung Zeit braucht, dass Menschen Schutzräume benötigen, dass der Weg zur eigenen Würde oft verschlungen ist. Genau darin liegt ihre Weisheit.
Die Bilder von Edvard Munch ergänzen diesen Zugang auf eindrückliche Weise. Munchs Kunst ist durchzogen von Angst, Einsamkeit, Begehren, Krankheit, Tod und existenzieller Erschütterung. Sie passt zu Drewermanns Deutung, weil sie nicht glättet. Munch zeigt den Menschen als verletzliches Wesen, ausgesetzt und suchend. In Verbindung mit den Märchen entsteht ein Resonanzraum, in dem seelische Not sichtbar wird, ohne voyeuristisch ausgestellt zu werden.
Für theologisch interessierte Leserinnen und Leser ist das Buch in mehrfacher Hinsicht anregend. Drewermann bewegt sich seit jeher an der Grenze von Theologie, Psychoanalyse, Literatur und Seelsorge. Auch hier fragt er danach, wie Menschen aus Angst und Abhängigkeit in ein befreites Leben finden können. Die religiöse Dimension liegt nicht in einer äußerlichen Frömmigkeit, sondern in der Wiedergewinnung der Würde: Der Mensch ist nicht dazu bestimmt, im Schatten der Gewalt oder unter fremder Macht zu leben.
Der vom Verlag zitierte Satz Drewermanns bringt diese Hoffnung prägnant zum Ausdruck: In Wirklichkeit seien wir alle Kinder eines Königs, der möchte, dass wir sind. Darin klingt eine zutiefst biblische und seelsorgerliche Perspektive an. Der Mensch ist gewollt. Er darf sein. Seine Würde hängt nicht an der Anerkennung durch Täter, Eltern, Autoritäten oder gesellschaftliche Rollen. Sie gründet tiefer.
Gerade in einer Zeit, in der Traumafolgen, familiäre Gewalt, emotionale Abhängigkeit und Missbrauch offener benannt werden, ist Drewermanns Märchendeutung hoch aktuell. Sie hilft, alte Geschichten neu zu hören. Märchen werden nicht romantisiert, sondern ernst genommen als verschlüsselte Erfahrungsspeicher. Sie sprechen dort, wo Menschen lange geschwiegen haben.
Zugleich bleibt Drewermanns Ansatz fordernd. Er schreibt nicht knapp und nicht bloß erläuternd. Seine Deutungen verlangen Aufmerksamkeit, Bereitschaft zur Symbolsprache und Offenheit für psychologische Tiefenschichten. Wer Märchen nur als kurze Erzählungen mit klarer Pointe lesen möchte, wird hier weitergeführt, manchmal auch herausgefordert. Doch gerade diese Ausführlichkeit gehört zu Drewermanns Arbeitsweise: Er will nicht vereinfachen, sondern freilegen.
Das Buch eignet sich für Leserinnen und Leser, die sich für Märchen, Tiefenpsychologie, Seelsorge, Traumaverständnis und religiöse Anthropologie interessieren. Auch in Erwachsenenbildung, Literaturkreisen, seelsorgerlicher Fortbildung und theologischer Bildungsarbeit kann es fruchtbar sein. Es öffnet einen Zugang zu den Grimm’schen Märchen, der ihre existenzielle Kraft ernst nimmt.
„Allerleirauh – Die Gänsemagd“ ist ein eindringliches Buch über verletzte Seelen und die Möglichkeit ihrer Heilung. Eugen Drewermann zeigt, dass Märchen nicht vor der Wirklichkeit fliehen. Sie erzählen von ihren dunkelsten Räumen und davon, dass ein Mensch dennoch nicht für immer dort bleiben muss. Wer sich auf diese Deutungen einlässt, begegnet zwei alten Geschichten neu: als Erzählungen von Angst, Würde, Befreiung und dem langen Weg zurück ins eigene Leben.
Eugen Drewermann
Allerleirauh – Die Gänsemagd
Von Trauma, Abhängigkeit und ihrer Überwindung
Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet
Mit Bildern von Edvard Munch
224 S.
978-3-8436-1664-5
29,00 €