Eckholt, Margit / Parzinger, Severin: Schöpfung und ökologische Transformation

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Eckholt, Margit / Parzinger, Severin: Schöpfung und ökologische Transformation

Die ökologische Krise ist nicht nur eine technische, politische oder wirtschaftliche Herausforderung. Sie stellt auch eine geistige und theologische Frage: Wie verstehen wir die Welt, in der wir leben? Ist sie bloß Ressource, Besitz und Verfügungsraum – oder Schöpfung, Gabe und gemeinsames Haus? Wer von Schöpfung spricht, spricht nicht nur über den Anfang der Welt, sondern über die Haltung, mit der Menschen Gegenwart und Zukunft gestalten.

Der von Margit Eckholt und Severin Parzinger herausgegebene Band „Schöpfung und ökologische Transformation. Philosophische und theologische Perspektiven aus Europa und Lateinamerika“ nimmt diese Grundfrage in bemerkenswerter Weite auf. Er verbindet europäische und lateinamerikanische Stimmen und macht dadurch deutlich: Ökologische Transformation ist kein regionales Sonderthema wohlhabender Gesellschaften. Sie betrifft globale Gerechtigkeit, koloniale Nachwirkungen, Lebensstile, Machtverhältnisse, Spiritualität und die Zukunft des Planeten.

Schon die Verbindung von Europa und Lateinamerika ist theologisch fruchtbar. Europäische Debatten bringen häufig systematische, philosophische und sozialethische Reflexionen ein. Lateinamerikanische Perspektiven erinnern mit besonderer Dringlichkeit an Armut, indigene Erfahrungen, Befreiungstheologie, Landkonflikte, Extraktivismus und die Stimmen derer, die unter ökologischer Zerstörung besonders leiden. So entsteht kein abstrakter Diskurs über „Umwelt“, sondern ein vielschichtiges Nachdenken über Schöpfung, Gerechtigkeit und Befreiung.

Der Band macht deutlich, dass ökologische Transformation nicht bei Appellen zu nachhaltigerem Verhalten stehen bleiben darf. Natürlich braucht es veränderte Lebensstile. Aber die Krise reicht tiefer. Sie betrifft Weltbilder, Wirtschaftsformen, Fortschrittsvorstellungen und Menschenbilder. Wenn der Mensch sich vor allem als Herr, Konsument und Verwerter der Natur versteht, wird die Erde zur Sache. Eine schöpfungstheologische Perspektive widerspricht dem. Sie erinnert daran, dass der Mensch selbst Geschöpf ist – abhängig, begrenzt, verbunden und verantwortlich.

Besonders wertvoll ist die Öffnung hin zu einer integralen Ökologie. Sie trennt nicht zwischen Umweltfrage und sozialer Frage. Wo Wälder zerstört, Böden vergiftet, Wasser privatisiert und Lebensräume vernichtet werden, leiden konkrete Menschen und Gemeinschaften. Ökologische Verwundung und soziale Ungerechtigkeit gehören zusammen. Eine Theologie der Schöpfung muss deshalb auch eine Theologie der Gerechtigkeit sein.

Dabei wird Schöpfung nicht romantisch verklärt. Die Rede von der Schöpfung ist keine Flucht in Naturfrömmigkeit. Sie wird zur kritischen Kategorie: Sie fragt, wem die Erde gehört, wer über Ressourcen verfügt, wer die Kosten des Wohlstands trägt und welche Stimmen in wissenschaftlichen, politischen und kirchlichen Debatten gehört werden. Gerade die lateinamerikanischen Perspektiven schärfen den Blick dafür, dass ökologische Fragen immer auch Machtfragen sind.

Für kirchliches Nachdenken in Deutschland ist dieser Band besonders anregend. Viele Gemeinden, Kirchenleitungen und kirchliche Werke beschäftigen sich mit Klimaschutz, Nachhaltigkeit und schöpfungsverantwortlichem Handeln. Doch die eigentliche Herausforderung besteht darin, ökologische Transformation nicht nur als zusätzliches Handlungsfeld zu behandeln, sondern als Querschnittsfrage des Glaubens. Liturgie, Bildung, Diakonie, Ethik, Mission, Spiritualität und kirchliche Praxis werden neu befragt.

Wohltuend ist die Breite des Zugangs. Philosophische und theologische Perspektiven stehen nicht nebeneinander, sondern eröffnen gemeinsam einen Denkraum. Es geht um Anthropologie, Gottesverständnis, Weltverhältnis, Verantwortung, Befreiung und Zukunft. Der Band lädt dazu ein, ökologisches Handeln nicht nur moralisch zu begründen, sondern geistlich und theologisch tiefer zu verankern.

Mit seinen 466 Seiten ist „Schöpfung und ökologische Transformation“ kein schmales Lesebuch, sondern ein wissenschaftlicher Sammelband. Doch wer sich auf die Beiträge einlässt, gewinnt wichtige Orientierung in einer Debatte, die Kirche und Theologie dauerhaft begleiten wird. Gerade die internationale und interkulturelle Perspektive verhindert, dass ökologische Verantwortung zu eng, zu national oder zu rein technisch gedacht wird.

So ist dieser Band ein gewichtiger Beitrag zu einer Schöpfungstheologie im Zeichen der ökologischen Krise. Er erinnert daran: Die Erde ist nicht nur Umwelt des Menschen. Sie ist Mitwelt, Lebensraum und Gabe Gottes. Wer das ernst nimmt, wird ökologische Transformation nicht als Modewort verstehen, sondern als geistliche, ethische und politische Aufgabe.

Margit Eckholt / Severin Parzinger, Hg.
Schöpfung und ökologische Transformation
Philosophische und theologische Perspektiven aus Europa und Lateinamerika

466 S.
978-3-7867-3393-5
58,00 €

Grünewald Verlag

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