Hofheinz, Marco / Rehfeld, Emmanuel L.: Menschenwürde in Begründungsnot

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Hofheinz, Marco / Rehfeld, Emmanuel L.: Menschenwürde in Begründungsnot

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieser Satz steht am Anfang des Grundgesetzes und gehört zu den stärksten Formulierungen der deutschen Verfassung. Zugleich ist er nicht selbstverständlich. Was heißt Würde? Wem kommt sie zu? Warum gilt sie unbedingt? Und wie lässt sie sich begründen, wenn gemeinsame weltanschauliche Voraussetzungen schwächer werden?

Der von Marco Hofheinz und Emmanuel L. Rehfeld herausgegebene Band „Menschenwürde in Begründungsnot. Theologische Impulse in interreligiöser Perspektive“ nimmt diese Fragen auf. Er geht von der Beobachtung aus, dass der Menschenwürdebegriff in einer pluralen und polarisierten Gesellschaft erklärungsbedürftiger geworden ist. Viele berufen sich auf ihn, aber nicht immer ist klar, was damit gemeint ist und weshalb er normativ bindend sein soll.

Das Buch fragt deshalb nicht nur juristisch, sondern theologisch und interreligiös. Können Religionsgemeinschaften in dieser Situation Orientierung geben? Wie verstehen sie Menschenwürde? Welche Begründungsfiguren bringen sie ein? Und wo liegen Gemeinsamkeiten, Spannungen oder bleibende Differenzen? Diese Fragestellung ist klug gewählt. Denn Menschenwürde ist zwar ein moderner Rechtsbegriff, aber ihre Plausibilität lebt auch von kulturellen, ethischen und religiösen Tiefenschichten.

Die Beiträge kommen aus verschiedenen religiösen und theologischen Traditionen. Dadurch entsteht kein einheitliches Lehrbuch, sondern ein Gesprächsraum. Christliche, jüdische, muslimische und weitere Perspektiven werden nebeneinandergestellt und aufeinander beziehbar gemacht. Das ist gerade bei einem so grundlegenden Thema wichtig. Wer Menschenwürde interreligiös bedenkt, muss Unterschiede nicht einebnen. Er kann aber zeigen, dass religiöse Traditionen mehr beitragen als bloße Zustimmung zu einem vorhandenen Rechtsbegriff.

Für die christliche Theologie ist die Menschenwürde eng mit der Gottesebenbildlichkeit verbunden. Der Mensch besitzt seine Würde nicht, weil er stark, vernünftig, leistungsfähig, gesund oder gesellschaftlich nützlich wäre. Seine Würde gründet tiefer. Sie ist Gabe, Zuspruch und Anspruch zugleich. Deshalb schützt sie gerade auch den verletzlichen, abhängigen, schuldverstrickten und übersehenen Menschen.

Der Band macht deutlich, dass solche Begründungen gesellschaftlich nicht überflüssig geworden sind. Gerade dort, wo Menschenwürde unter Druck gerät – am Lebensanfang und Lebensende, in Fragen von Migration, Armut, Krankheit, Behinderung, Krieg, Rassismus oder religiöser Differenz –, braucht es mehr als abstrakte Bekenntnisse. Es braucht tragfähige Gründe, warum kein Mensch zum bloßen Mittel, Problemfall oder Störfaktor werden darf.

Besonders hilfreich ist die interreligiöse Perspektive. Sie führt aus konfessionellen Selbstgesprächen heraus. Menschenwürde wird nicht nur als protestantisches, katholisches oder säkulares Thema behandelt, sondern als gemeinsame Herausforderung einer pluralen Gesellschaft. Religionsgemeinschaften stehen dabei nicht außerhalb der Debatte. Sie müssen selbst zeigen, wie ernst sie Würde, Freiheit, Gleichheit und Anerkennung nehmen – auch im Umgang mit Andersgläubigen, Minderheiten und inneren Spannungen.

Das Buch berührt damit eine Frage, die für Kirche und Theologie hoch aktuell ist. In einer Gesellschaft, die sich zunehmend in Milieus, Empörungsräume und Identitätskonflikte aufspaltet, kann die Menschenwürde zum gemeinsamen Bezugspunkt werden. Doch sie bleibt nur dann stark, wenn sie nicht zur leeren Formel verkommt. Sie muss ausgelegt, verteidigt und praktisch bewährt werden.

Die Beiträge erinnern daran, dass Würde nicht verdient werden muss. Diese Einsicht ist politisch, ethisch und seelsorgerlich bedeutsam. Menschen, die an sich selbst zweifeln, die beschämt, ausgegrenzt oder entwürdigt wurden, brauchen mehr als Rechte auf dem Papier. Sie brauchen eine Kultur, in der ihre Würde gesehen und geachtet wird. Theologie kann dazu beitragen, weil sie vom Menschen im Licht Gottes spricht.

Zugleich ist der Band nüchtern genug, die Begründungsnot nicht vorschnell aufzulösen. Unterschiedliche religiöse Traditionen sprechen verschieden vom Menschen, von Gott, von Freiheit, Verantwortung und Gemeinschaft. Gerade deshalb ist das Gespräch notwendig. Es stärkt die Menschenwürde nicht, wenn man Differenzen verschweigt. Es stärkt sie, wenn man tragfähige Gründe offenlegt und miteinander prüft.

So ist „Menschenwürde in Begründungsnot“ ein wichtiger Beitrag zu einer der Grundfragen unserer Zeit. Der Band zeigt, dass Religionen in der Menschenwürdedebatte nicht nur historische Stichwortgeber sind. Sie können auch heute helfen, den unbedingten Wert des Menschen zu verstehen, zu begründen und gegen seine Gefährdungen zu verteidigen. Wer wissen will, wie Menschenwürde in einer pluralen Gesellschaft theologisch verantwortet werden kann, findet hier reiches Material.

Marco Hofheinz / Emmanuel L. Rehfeld, Hg.
Menschenwürde in Begründungsnot
Theologische Impulse in interreligiöser Perspektive

264 S.
978-3-374-08045-8
78,00 €

Evangelische Verlagsanstalt

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