Käßmann, Margot: Warum ich Pazifistin bleibe
Käßmann, Margot: Warum ich Pazifistin bleibe
Frieden klingt leicht, solange kein Krieg herrscht. Wird Krieg aber zur Gegenwart, verändert sich die Sprache. Dann ist von Wehrhaftigkeit, Abschreckung, Verteidigungsfähigkeit und Aufrüstung die Rede. Wer in solchen Zeiten am Pazifismus festhält, steht schnell unter Rechtfertigungsdruck. Margot Käßmann nimmt diesen Druck auf und antwortet mit einem kurzen, klaren und persönlich grundierten Buch: „Warum ich Pazifistin bleibe“.
Der Untertitel setzt den Ton: „Wir müssen friedensfähig werden, nicht kriegstüchtig.“ Das ist kein nüchterner Satz politischer Analyse, sondern ein theologisches und ethisches Programm. Käßmann schreibt aus christlicher Überzeugung. Sie fragt nicht zuerst danach, welche militärischen Optionen strategisch naheliegen, sondern was der Glaube an Jesus Christus Menschen zumutet, die sich Frieden wünschen und zugleich in einer gewaltförmigen Welt leben.
Damit berührt das Buch eine der schwierigsten friedensethischen Fragen der Gegenwart. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, angesichts neuer militärischer Bedrohungsszenarien und weltweiter Konflikte hat sich die öffentliche Debatte deutlich verschoben. Pazifistische Positionen gelten vielen als weltfremd, hilflos oder moralisch bequem. Käßmann weiß um diesen Vorwurf. Ihr Buch ist deshalb keine unberührte Friedensromantik. Es ist der Versuch, den christlichen Pazifismus gerade dort zur Sprache zu bringen, wo er angefochten ist.
Die Stärke des Buches liegt in seiner persönlichen Klarheit. Käßmann argumentiert nicht aus der Distanz einer akademischen Friedensethik, sondern aus einer langen öffentlichen, kirchlichen und biografischen Auseinandersetzung mit Krieg, Gewalt, Versöhnung und Verantwortung. Sie schreibt als Theologin, Pfarrerin und frühere kirchenleitende Persönlichkeit, aber auch als Mensch, der sich eine Haltung bewahren will, obwohl die Gegenwart ihr widerspricht.
Ihr Ausgangspunkt ist die Botschaft Jesu: Feindesliebe, Gewaltverzicht, Versöhnung, Vergebung und die Hoffnung auf Frieden sind für sie keine Randthemen des Christentums. Sie gehören ins Zentrum des Glaubens. Genau darin liegt die Zumutung. Christlicher Glaube kann sich nicht einfach der Logik des Krieges überlassen, als gäbe es keine andere Sprache mehr. Er muss mindestens fragen, was geschieht, wenn militärische Mittel zur selbstverständlichen Antwort auf politische Konflikte werden.
Käßmanns Buch gewinnt dort besondere Kraft, wo es die Sprache entlarvt. „Kriegstüchtigkeit“ ist ein starkes Wort. Es soll Handlungsfähigkeit signalisieren, kann aber auch ein Denken fördern, das sich immer tiefer in militärischen Kategorien bewegt. Käßmann hält dagegen: Eine Gesellschaft muss nicht nur verteidigungsfähig sein wollen, sie muss vor allem friedensfähig bleiben. Das meint mehr als gute Absichten. Es meint Diplomatie, Zivilcourage, Völkerverständigung, Abrüstung, Verständigungsarbeit, Feindbildkritik und die Bereitschaft, Friedenslogik auch dann nicht preiszugeben, wenn sie unbequem wird.
Gerade aus theologischer Sicht ist dieser Impuls wichtig. Die Bibel kennt Gewalt, Krieg und Machtpolitik sehr genau. Sie ist kein naives Buch. Aber sie bewahrt zugleich eine große Friedenssehnsucht: Schwerter zu Pflugscharen, die Seligpreisung der Friedensstifter, die Feindesliebe Jesu, die Hoffnung auf Gottes Reich. Käßmann stellt sich in diese Tradition. Sie erinnert daran, dass christliche Hoffnung nicht einfach das bestätigt, was politisch gerade plausibel erscheint.
Natürlich wird nicht jede Leserin und jeder Leser Käßmanns Konsequenzen teilen. Friedensethik bleibt ein Feld ernster Gewissensentscheidungen. Auch innerhalb der Kirchen gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, wie Schutzpflicht, Gewaltverzicht, Nothilfe, Selbstverteidigung und internationale Verantwortung zusammenzudenken sind. Gerade deshalb ist dieses Buch wichtig. Es verhindert, dass eine pazifistische Stimme vorschnell aus der Debatte gedrängt wird.
Wohltuend ist, dass Käßmann ihre Position nicht als bequemen Rückzug formuliert. Pazifismus bedeutet hier nicht Nichtstun. Er verlangt Einsatz: für Gespräche, für humanitäre Hilfe, für Konfliktprävention, für Versöhnungsarbeit, für gewaltfreie Formen des Widerstands, für eine politische Kultur, die den Gegner nicht entmenschlicht. Frieden ist bei Käßmann kein Gefühl, sondern eine Praxis.
Das Buch dürfte besonders für kirchliche Gruppen, Friedensgebete, Erwachsenenbildung, Religionsunterricht und Gemeindekreise geeignet sein. Es gibt Stoff für Gespräche, auch für kontroverse. Man kann Käßmann widersprechen und wird sich dennoch mit ihrer Grundfrage auseinandersetzen müssen: Was bleibt vom christlichen Friedenszeugnis, wenn es immer nur dann gelten soll, wenn es politisch leichtfällt?
Für theology.de ist dieser Band deshalb mehr als ein aktuelles Debattenbuch. Er führt an den Kern christlicher Ethik. Die Frage nach Krieg und Frieden ist keine Nebensache des Glaubens. Sie berührt Gottesbild, Menschenbild, Nachfolge, Gewissen, Hoffnung und die Auslegung der Bergpredigt. Käßmann erinnert daran, dass christliche Friedensethik nicht zuerst aus Angst vor Konflikten entsteht, sondern aus Vertrauen auf eine andere Wirklichkeit: Gottes Frieden, der menschliche Gewaltlogik unterbricht.
„Warum ich Pazifistin bleibe“ ist ein kurzes, klares und engagiertes Buch. Margot Käßmann schreibt mit erkennbarer Überzeugung und nimmt in Kauf, Widerspruch auszulösen. Gerade darin liegt sein Wert. Es öffnet keinen einfachen Ausweg aus den Konflikten der Gegenwart, aber es hält eine Frage wach, die Christinnen und Christen nicht verlieren dürfen: Wie werden Menschen, Kirchen und Gesellschaften friedensfähig?
Margot Käßmann
Warum ich Pazifistin bleibe
Wir müssen friedensfähig werden, nicht kriegstüchtig
978-3-96340-387-3
160 Seiten
18,00 €
Droemer Knaur / bene!