Karimi, Ahmad Milad: Die Schönheit des Christentums
Karimi, Ahmad Milad: Die Schönheit des Christentums
Ein muslimischer Theologe steht vor dem Kreuz. Sein Glaube sagt Nein zur Kreuzigung Jesu, und doch bleibt er stehen. Er weicht dem Bild nicht aus. Er erklärt es nicht weg. Er nimmt wahr, dass ihn etwas berührt, das er nicht übernehmen kann. Genau in dieser Spannung beginnt Ahmad Milad Karimis Buch „Die Schönheit des Christentums. Eine muslimische Liebeserklärung“.
Der Untertitel ist mutig gewählt. Eine Liebeserklärung klingt nach Nähe, Wärme und Zustimmung. Karimi versteht sie anders: Liebe bedeutet hier nicht Einverständnis, sondern Aufmerksamkeit. Sie heißt, beim Anderen zu verweilen, ohne ihn sich anzueignen. Gerade deshalb ist dieses kleine Buch so bemerkenswert. Es macht interreligiöse Begegnung nicht bequem, sondern ernst.
Karimi schreibt als Muslim über das Christentum. Er tut das nicht von außen herab, nicht vergleichend kühl, nicht religionswissenschaftlich distanziert. Er schreibt als einer, der sich berühren lässt. Zugleich bleibt er seiner eigenen Glaubenstradition treu. Das macht den Text stark. Er sucht nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner. Er glättet die Unterschiede nicht. Er lässt das Fremde fremd bleiben und entdeckt gerade darin seine Schönheit.
Die Leseprobe zeigt, wie fein Karimi ansetzt. Das Christentum beginnt für ihn nicht isoliert. Es steht in einer älteren Geschichte, in der Sprache und Erwartung Israels, in Gebeten, Schriften und Hoffnungen, die ihm vorausgehen. Jesus spricht nicht in einen leeren Raum hinein. Er steht in der Geschichte Israels, betet ihre Gebete und trägt ihre Erinnerung weiter. Dieser Blick ist theologisch wichtig, weil er das Christentum vor einer selbstgenügsamen Lektüre bewahrt.
Auch für den Islam ist diese Verflechtung nicht fremd. Abraham, Mose, David, Salomo, Maria und Jesus gehören auch zur koranischen Glaubenswelt. Karimi erinnert daran, dass Religionen nicht im luftleeren Raum entstehen. Sie leben aus Überlieferungen, aus Beziehungen, aus Nähe und Unterscheidung. Wer das ernst nimmt, muss den eigenen Glauben nicht relativieren. Er wird verantwortlicher.
Besonders schön ist Karimis Sprache des Fremden. Fremd ist für ihn nicht einfach das Unbekannte oder Ferne. Fremd ist das, was an die Schwelle tritt und sich nicht vollständig in die eigene Sprache übersetzen lässt. Das Fremde unterbricht die Selbstverständlichkeit des Eigenen. Es stellt eine Frage. Es fordert Wachheit. In dieser Haltung wird interreligiöser Dialog zu mehr als Verständigungstechnik. Er wird geistliche Übung.
Der Blick auf das Christentum führt Karimi zu dessen innerer Mitte: Krippe, Maria, Jesus, Menschwerdung, Kreuz und Hoffnung. Schon diese Kapitelabfolge zeigt, worauf das Buch zielt. Es geht nicht um eine oberflächliche Würdigung christlicher Kultur, sondern um das theologische Herz des Glaubens. Karimi nähert sich dem Geheimnis der Inkarnation, der Nähe Gottes, der Gestalt Jesu und schließlich dem Kreuz. Genau dort liegt für ihn die größte Spannung.
Ein Muslim kann das christliche Bekenntnis zum gekreuzigten und auferstandenen Christus nicht einfach teilen. Karimi verschweigt das nicht. Doch er erkennt darin eine Ernsthaftigkeit, die ihn nicht loslässt: die Vorstellung einer Liebe, die Gott in äußerster Nähe denkt; eines Gottes, der sich nicht über das Leid erhebt, sondern sich ihm aussetzt; einer Hoffnung, die nicht an der Wunde vorbeigeht, sondern sie in sich aufnimmt.
Für christliche Leserinnen und Leser ist das bewegend. Manchmal erkennt ein aufmerksamer Blick von außen etwas, das innen vertraut und dadurch fast unsichtbar geworden ist. Karimi sieht die Kühnheit des christlichen Glaubens. Er spürt, wie anstößig und schön zugleich die Rede von Gottes Menschwerdung ist. Er nimmt wahr, dass das Kreuz keine religiöse Dekoration ist, sondern ein Riss im Denken über Gott.
Gerade deshalb eignet sich das Buch sehr gut für christlich-muslimische Gespräche. Es bietet keine fertige Harmonie und keine diplomatische Formel. Es zeigt eine Haltung. Man kann den anderen Glauben lieben, ohne ihn zu vereinnahmen. Man kann sich von ihm befragen lassen, ohne die eigene Treue aufzugeben. Man kann Unterschiede stehen lassen, ohne daraus Abwehr zu machen.
Auch für innerchristliche Selbstbesinnung ist Karimis Essay hilfreich. Er erinnert daran, dass Christentum nicht zuerst System, Institution oder Moralprogramm ist, sondern Staunen: über das Kind in der Krippe, über Maria, über Jesus, über die Übernähe Gottes, über das Kreuz und über eine Hoffnung, die bleibt. Diese Themen sind vertraut, aber Karimi bringt sie in einer Sprache zur Geltung, die neu hören lässt.
Der Autor ist dafür besonders geeignet. Ahmad Milad Karimi ist Religionsphilosoph, Islamwissenschaftler, Professor für Islamische Philosophie und Mystik in Münster, Schriftsteller und Publizist. Seine Texte verbinden philosophische Sensibilität, poetische Verdichtung und religiöse Ernsthaftigkeit. Auch dieses Buch lebt von dieser Mischung. Es ist kurz, aber nicht klein. Es hat keine ausufernde Argumentation nötig, weil es auf Aufmerksamkeit, Sprache und geistliche Wahrnehmung setzt.
Der Preis dieses Buches liegt auch in seiner Verletzlichkeit. Eine muslimische Liebeserklärung an das Christentum kann missverstanden werden: von denen, die in ihr zu viel Nähe sehen, und von denen, die sich eine Bekehrungsgeschichte wünschen. Beides wäre verfehlt. Karimi schreibt aus einer Treue, die atmet. Sein Glaube wird nicht schwächer, weil er sich vom Christentum berühren lässt. Er wird weiter.
So ist „Die Schönheit des Christentums“ ein ungewöhnliches, feinsinniges und sehr lesenswertes Buch. Ahmad Milad Karimi zeigt, wie interreligiöse Begegnung gelingen kann, wenn sie nicht bei Gemeinsamkeiten stehen bleibt, sondern auch die Differenz würdigt. Er macht dem Christentum eine Liebeserklärung, die keine Vereinnahmung ist. Und er schenkt christlichen Leserinnen und Lesern einen Blick auf den eigenen Glauben, der dankbar, staunend und nachdenklich macht.
Ahmad Milad Karimi
Die Schönheit des Christentums
Eine muslimische Liebeserklärung
112 S.
978-3-8436-1676-8
12,00 €