Khorchide, Mouhanad: Jenseits der Härte

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Khorchide, Mouhanad: Jenseits der Härte

Männlichkeit wird oft mit Stärke verwechselt. Stärke wiederum mit Härte. Und Härte mit Kontrolle. Wo dieses Muster religiös aufgeladen wird, entsteht ein gefährliches Bild: Der Mann soll führen, bestimmen, beschützen, beherrschen – und möglichst wenig zeigen, was ihn verletzlich macht. Mouhanad Khorchide widerspricht diesem Bild mit einem Buch, das persönlich erzählt und theologisch argumentiert.

„Jenseits der Härte. Warum der Koran keine Machos kennt“ nimmt eine Frage auf, die weit über innerislamische Debatten hinausreicht: Was bedeutet es, heute Mann zu sein, wenn Macht, Tradition, Religion und Verletzlichkeit neu bedacht werden müssen? Khorchide schaut nicht nur auf die sogenannte Frauenfrage. Er dreht die Perspektive um und fragt nach Männlichkeitsbildern. Denn wo Frauen abgewertet, begrenzt oder kontrolliert werden, steht fast immer auch ein problematisches Männerbild im Hintergrund.

Dieser Perspektivwechsel ist stark. Er entlastet nicht, sondern verschärft die Analyse. Wer Geschlechtergerechtigkeit ernst nimmt, muss nicht nur fragen, welche Rechte Frauen haben. Er muss auch fragen, welche Vorstellungen von Mannsein weitergegeben werden: in Familien, Gemeinden, religiöser Bildung, Predigten, gesellschaftlichen Erwartungen und alltäglicher Sprache. Khorchide zeigt, dass patriarchale Muster nicht einfach „der Islam“ sind. Sie sind Deutungen, Machtgewohnheiten und kulturelle Überlagerungen, die religiös legitimiert werden können.

Der Untertitel ist bewusst zugespitzt: „Warum der Koran keine Machos kennt“. Das weckt Aufmerksamkeit und markiert eine klare These. Khorchide sucht im Koran und in der Person des Propheten Muhammad nach Alternativen zu einem harten, herrschaftlichen Männlichkeitsideal. Damit stellt er eine befreiende Frage: Welche Formen von Stärke kennt der Glaube, wenn Stärke nicht Dominanz bedeutet? Was wäre eine Männlichkeit, die Mitgefühl, Verantwortung, Selbstkritik und Beziehung zulässt?

Das Buch lebt von der Verbindung persönlicher Erfahrung und theologischer Reflexion. Khorchide schreibt nicht aus kühler Distanz über ein gesellschaftliches Problem. Er weiß, dass religiöse Bilder Menschen prägen, beschämen, stärken oder befreien können. Gerade deshalb ist seine Auseinandersetzung mit Männlichkeit nicht nur akademisch. Sie betrifft Familien, Partnerschaften, Erziehung, Religionsunterricht und das Selbstbild junger Männer.

Für christliche Leserinnen und Leser ist dieser Band ebenfalls anregend. Denn problematische Männlichkeitsbilder gibt es nicht nur im Islam. Auch christliche Traditionen wurden und werden patriarchal gelesen: Gott als männlich gedachte Autoritätsfigur, Männer als geistliche Leiter, Frauen als dienende Ergänzung, Stärke als Durchsetzung. Khorchides Buch kann deshalb ein Spiegel sein. Es lädt dazu ein, auch die eigenen religiösen Prägungen auf Macht, Rollenbilder und Sprachmuster hin zu befragen.

Wichtig ist dabei die theologische Differenzierung. Der Islam wird in westlichen Debatten oft pauschal als männlich dominierte Religion beschrieben. Solche Zuschreibungen greifen zu kurz und können selbst neue Vorurteile verstärken. Khorchide nimmt die Realität patriarchaler Muster ernst, ohne sie zum Wesen des Islam zu erklären. Er sucht nach Ressourcen der Veränderung innerhalb der eigenen religiösen Tradition. Das macht seinen Ansatz glaubwürdig.

Besonders hilfreich ist der Blick auf Mitgefühl. In vielen religiösen Traditionen gehört Barmherzigkeit zum Kern des Gottesbildes. Wenn Gott barmherzig ist, kann Härte nicht das letzte Maß menschlicher Reife sein. Eine Männlichkeit, die sich an Barmherzigkeit orientiert, muss anders aussehen: weniger kontrollierend, weniger ängstlich, weniger auf Überlegenheit bedacht. Sie kann Verantwortung übernehmen, ohne andere klein zu machen.

Der Band eignet sich für interreligiöse Gesprächsarbeit, Religionsunterricht, Erwachsenenbildung und alle, die über Geschlechtergerechtigkeit nicht nur politisch, sondern auch religiös nachdenken wollen. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene könnten von einem solchen Buch profitieren, weil es Rollenerwartungen hinterfragt, ohne religiöse Identität abzuwerten. Es zeigt: Glaube kann helfen, enger gewordene Bilder von Männlichkeit zu öffnen.

Khorchide schreibt damit gegen zwei Verengungen zugleich. Gegen die Vorstellung, Religion müsse patriarchale Härte stabilisieren. Und gegen die Annahme, Befreiung könne nur gegen Religion gelingen. Sein Buch sucht einen dritten Weg: eine theologisch begründete Kritik an Machtmissbrauch und ein religiös verantwortetes Plädoyer für menschlichere Formen von Männlichkeit.

So ist „Jenseits der Härte“ ein wichtiges, gut zugängliches und mutiges Buch. Mouhanad Khorchide zeigt, dass die Frage nach Männlichkeit eine geistliche und gesellschaftliche Schlüsselfrage ist. Wer den Koran, den Islam und religiöse Rollenbilder differenzierter verstehen will, findet hier einen klugen Impuls. Und wer über Geschlechtergerechtigkeit nachdenkt, wird daran erinnert: Veränderung beginnt auch dort, wo Männer lernen, Stärke neu zu verstehen.

Mouhanad Khorchide
Jenseits der Härte
Warum der Koran keine Machos kennt

208 S.
978-3-451-03755-9
22,00 €

Verlag Herder

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