Körtner, Ulrich H. J.: Reine Glaubenssache

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Körtner, Ulrich H. J.: Reine Glaubenssache

Vertrauen ist eine Grundkraft des Lebens. Ohne Vertrauen kann kein Mensch lieben, hoffen, arbeiten, glauben oder auch nur den nächsten Schritt tun. Zugleich leben wir in einer Zeit, in der Vertrauen brüchig geworden ist: gegenüber Institutionen, Politik, Medien, Kirchen – manchmal sogar gegenüber dem eigenen Leben. Umso wichtiger ist die Frage, was Gottvertrauen heute bedeuten kann.

Ulrich H. J. Körtner geht in „Reine Glaubenssache. Über Gottvertrauen und Möglichkeitssinn“ dieser Frage mit theologischer Klarheit und existentieller Sensibilität nach. Schon der Titel ist doppeldeutig. „Reine Glaubenssache“ kann abwehrend klingen: Das sei eben bloß Glauben, nicht Wissen. Bei Körtner wird daraus eine tiefere Frage: Was ist Glaube eigentlich? Ist er nur Meinung, religiöses Gefühl oder private Überzeugung? Oder erschließt er eine Wirklichkeit, ohne die menschliches Leben ärmer und enger würde?

Im Zentrum steht das Gottvertrauen. Körtner denkt Vertrauen nicht naiv. Wer vertraut, setzt sich aus. Vertrauen ist immer verletzlich. Es kann enttäuscht, missbraucht oder zerstört werden. Gerade deshalb ist Vertrauen nicht selbstverständlich. Es ist ein Wagnis – aber ein Wagnis, ohne das Leben nicht gelingen kann. Permanente Kontrolle mag Sicherheit versprechen, führt aber am Ende in Enge. Wer nur kontrollieren will, verliert die Freiheit des Vertrauens.

Besonders anregend ist Körtner Begriff des Möglichkeitssinns. Glaube sieht nicht nur, was ist. Er hält offen, was sein kann. Er rechnet mit Möglichkeiten, die sich nicht aus dem Vorhandenen ableiten lassen. Christlicher Glaube lebt von der Hoffnung, dass Wirklichkeit nicht in dem aufgeht, was Menschen berechnen, planen und absichern können. Er öffnet den Blick für Gottes Möglichkeiten – gerade dort, wo menschliche Möglichkeiten erschöpft scheinen.

Damit gewinnt das Buch eine hohe seelsorgerliche und gesellschaftliche Aktualität. In einer Zeit vieler Krisen ist die Versuchung groß, entweder in Angst zu erstarren oder sich in Scheingewissheiten zu flüchten. Gottvertrauen ist etwas anderes. Es beschönigt die Wirklichkeit nicht, aber es lässt sich von ihr nicht gefangen nehmen. Es kann mit Krankheit, Leiden, Tod, Zukunftsangst und Unsicherheit rechnen, ohne das Leben dem Misstrauen zu überlassen.

Körtner schreibt als systematischer Theologe, aber nicht abgehoben. Seine Überlegungen berühren Grundfragen des Glaubens: Was trägt? Worauf kann man sich verlassen? Wie verhält sich Glaube zu Vernunft? Was unterscheidet Vertrauen von bloßem Optimismus? Und wie kann der Glaube an Gott in einer religiös indifferenten Gesellschaft noch verständlich werden?

Gerade diese Verbindung von theologischer Reflexion und lebensweltlicher Bedeutung macht den Band stark. Körtner zeigt, dass Glaube nicht einfach ein Besitz ist, den man hat oder nicht hat. Er ist eine Haltung, ein Sich-Ausstrecken, ein Vertrauen auf Gott als den Grund der Wirklichkeit. Dabei bleibt der Zweifel nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Ein Glaube, der um seine Anfechtbarkeit weiß, kann ehrlicher und tragfähiger sein als eine vorschnelle Gewissheit.

Für kirchliche Verkündigung, Seelsorge und Erwachsenenbildung bietet das Buch wertvolle Impulse. Es hilft, über Glauben so zu sprechen, dass weder dogmatische Begriffe leer bleiben noch religiöse Erfahrung ins Unverbindliche ausweicht. Wer heute von Gottvertrauen spricht, muss die Brüche des Lebens kennen. Körtner nimmt diese Brüche ernst – und hält gerade deshalb an der Möglichkeit des Glaubens fest.

Wohltuend ist, dass „Reine Glaubenssache“ nicht in fromme Vertrauensrhetorik verfällt. Vertrauen wird nicht gefordert, als könne man es einfach herstellen. Es wird bedacht, erschlossen und in seiner Tiefe sichtbar gemacht. Das macht das Buch auch für Menschen interessant, die mit dem Wort „Glauben“ ringen, aber spüren, dass ein Leben aus bloßer Kontrolle nicht genügt.

So ist „Reine Glaubenssache“ ein konzentrierter und zugleich weiterführender Beitrag zur Gottesfrage in der Gegenwart. Ulrich H. J. Körtner erinnert daran: Glaube ist nicht Weltflucht, sondern Möglichkeitssinn. Er rechnet mit Gott – und damit mit einer Wirklichkeit, die größer ist als unsere Angst, unsere Sicherheiten und unsere Grenzen.

Ulrich H. J. Körtner
Reine Glaubenssache
Über Gottvertrauen und Möglichkeitssinn

186 S.
978-3-374-08120-2
29,00 €

Evangelische Verlagsanstalt

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