Lenke, Bertram: Glaube an Jesus
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Lenke, Bertram: Glaube an Jesus
Wer ist Jesus? Und was bedeutet es, an ihn zu glauben? Diese Fragen stehen im Zentrum des Christentums. Sie sind zugleich christologisch und soteriologisch: Es geht darum, wer Jesus ist – und was durch ihn für Menschen geschieht. Gerade im Markus-Evangelium treten diese Fragen mit besonderer Dringlichkeit hervor. Denn Markus erzählt von Jesus auf knappe, spannungsreiche und oft herausfordernde Weise: als Lehrer, Wundertäter, Menschensohn, Gekreuzigten und Auferweckten.
Bertram Lenke widmet sich in „Glaube an Jesus. Das Verhältnis von Christologie und Soteriologie im Markus-Evangelium“ einer zentralen neutestamentlichen Grundfrage. Wie hängen die Person Jesu und das Heilsgeschehen zusammen? Lässt sich die Soteriologie, also die Frage nach Rettung und Heil, von der Christologie lösen? Oder ist das, was Jesus wirkt, untrennbar mit dem verbunden, wer Jesus ist?
Das Buch setzt bei einer wichtigen Entwicklung der neueren Markus-Forschung an. Lange war das sogenannte Messiasgeheimnis ein prägender Schlüssel für die Auslegung des Markus-Evangeliums. Inzwischen ist diese Deutung nicht mehr selbstverständlich leitend. Dadurch rücken andere Fragestellungen stärker in den Vordergrund, darunter auch soteriologische Akzente. Lenke nimmt diese Verschiebung ernst, fragt aber kritisch, ob dabei die Christologie des Markus-Evangeliums zu stark relativiert wird.
Gerade darin liegt die Stärke der Studie. Sie macht deutlich, dass Markus nicht einfach nur erzählt, was Jesus für Menschen tut. Das Evangelium fragt zugleich, wer dieser Jesus ist, dessen Handeln Heil eröffnet. Heil, Nachfolge, Rettung, Kreuz und Auferstehung stehen nicht neben der Frage nach Jesu Identität, sondern sind mit ihr verbunden. Die markinische Erzählung lebt davon, dass sich die Bedeutung Jesu nicht abstrakt erklären lässt, sondern im Gang der Geschichte sichtbar wird.
Das Markus-Evangelium ist theologisch besonders reizvoll, weil es seine Christologie nicht in langen Lehrsätzen entfaltet. Es erzählt. Es zeigt Jesus in Begegnungen, Konflikten, Heilungen, Gleichnissen, Leidensankündigungen und im Weg nach Jerusalem. Wer Jesus ist, wird im Erzählen offenbar – und zugleich bleibt vieles spannungsvoll, missverstanden, verborgen oder erst vom Kreuz her erschlossen. Lenke arbeitet an dieser Schnittstelle von Erzählung und Theologie.
Für die Auslegung des Markus-Evangeliums ist das wichtig. Christologie darf nicht vorschnell auf Titel wie „Messias“, „Sohn Gottes“ oder „Menschensohn“ reduziert werden. Zugleich darf Soteriologie nicht losgelöst von der Person Jesu betrachtet werden. Im ältesten Evangelium geht es nicht nur darum, dass Menschen Hilfe erfahren oder gerettet werden. Es geht darum, dass diese Rettung an Jesus selbst gebunden ist – an seinen Weg, seine Vollmacht, sein Leiden und seine Auferweckung.
Wohltuend ist die exegetische Konzentration des Bandes. Lenke betreibt keine spekulative Systematisierung, sondern fragt am Text entlang. Das macht die Studie anspruchsvoll, aber auch ergiebig. Wer sich für neutestamentliche Wissenschaft interessiert, findet hier einen Beitrag, der eine zentrale Forschungsfrage präzise aufnimmt und theologisch fruchtbar macht.
Auch für die kirchliche Praxis ist das Thema bedeutsam. Predigt, Unterricht und Bibelarbeit sprechen oft davon, was Jesus Menschen schenkt: Trost, Heilung, Vergebung, Befreiung, Hoffnung. Doch diese Aussagen gewinnen ihre Tiefe erst, wenn sie mit der Frage verbunden bleiben, wer Jesus ist. Eine Verkündigung, die nur von Wirkungen spricht, ohne die Person Jesu ernst zu nehmen, wird schnell allgemein religiös. Umgekehrt bleibt eine Christologie, die nicht nach Heil, Rettung und menschlicher Lebenswirklichkeit fragt, abstrakt.
Lenkes Studie erinnert daran, dass beides zusammengehört. Der Glaube an Jesus ist nicht nur Zustimmung zu einer Lehre über Jesus. Er ist Vertrauen auf den, der im Evangelium als der Gekreuzigte und Auferweckte begegnet. Gerade Markus zeigt, dass dieser Glaube nicht bequem ist. Er führt in die Nachfolge, in das Missverstehen und Neuverstehen, in die Konfrontation mit dem Kreuz – und zugleich in die Hoffnung, dass Gottes Heil gerade dort sichtbar wird, wo menschliche Erwartungen zerbrechen.
So ist „Glaube an Jesus“ ein gewichtiger Beitrag zur Markus-Forschung und zur neutestamentlichen Christologie. Das Buch eignet sich besonders für Theologinnen und Theologen, Studierende, Pfarrerinnen und Pfarrer sowie alle, die das Markus-Evangelium nicht nur historisch, sondern in seiner theologischen Tiefenstruktur verstehen wollen. Es zeigt: Wer nach dem Heil fragt, das Jesus bringt, muss nach Jesus selbst fragen. Und wer nach Jesus fragt, kommt an der Frage nach Heil, Kreuz und Glauben nicht vorbei.
Bertram Lenke
Glaube an Jesus
Das Verhältnis von Christologie und Soteriologie im Markus-Evangelium
306 S.
978-3-374-08085-4
88,00 €