Leppin, Volker: Luther und die Juden

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Leppin, Volker: Luther und die Juden

Martin Luther gehört zu den prägenden Gestalten der evangelischen Kirchengeschichte. Seine Bibelübersetzung, seine reformatorische Theologie und sein Ringen um die Freiheit des Glaubens haben den Protestantismus tief geprägt. Doch zu dieser Geschichte gehört auch ein dunkles, bedrängendes Kapitel: Luthers Verhältnis zu den Juden. Wer Luther heute theologisch und historisch ernst nimmt, darf diese Seite nicht ausblenden.

Volker Leppin widmet sich in „Luther und die Juden. Antijudaismus und Proto-Antisemitismus in Spätmittelalter und Reformation“ einem Thema, das für evangelische Erinnerungskultur unverzichtbar ist. Das Buch fragt nicht nur, was Luther über Juden schrieb, sondern wie seine Äußerungen theologiegeschichtlich einzuordnen sind. Leppin betrachtet Luther im Zusammenhang spätmittelalterlicher Exegese, reformatorischer Konflikte und späterer Wirkungsgeschichte. Gerade dadurch entsteht ein differenziertes Bild: Luthers Antijudaismus war nicht einfach ein persönlicher Ausrutscher, aber auch nicht bloß ein unverändertes Echo seiner Zeit. Er steht in Traditionslinien, die Luther aufnahm, fortführte und in seiner eigenen Theologie zuspitzte.

Besonders wichtig ist Leppins Frage nach dem Verhältnis von christlichem Antijudaismus und modernem Antisemitismus. Der Untertitel spricht von „Proto-Antisemitismus“. Damit wird eine Spannung markiert, die historisch sorgfältig bedacht werden muss. Luther lebte nicht im Zeitalter des rassisch begründeten Antisemitismus. Doch seine antijüdischen Schriften lieferten später wirkmächtige Muster der Abwertung, Ausgrenzung und Feindschaft. Leppin vermeidet hier einfache Gleichsetzungen ebenso wie entlastende Verharmlosungen. Das macht das Buch besonders wertvoll.

Der Band zeigt, wie eng Luthers antijüdische Polemik mit theologischen Grundfragen verbunden ist: mit Bibelauslegung, Christologie, Gesetz und Evangelium, Wahrheitsanspruch, Buße, Verstockung und der Abgrenzung gegenüber vermeintlich falschem Glauben. Luthers Judenfeindschaft erscheint dadurch nicht als bloße Randnotiz seiner Biographie, sondern als ein Problem, das in bestimmten theologischen Denkfiguren selbst verankert ist. Genau diese Einsicht ist schmerzhaft – und notwendig.

Leppin geht historisch präzise vor. Er verfolgt Entwicklungen, Kontexte und Verschiebungen. Dabei wird sichtbar, dass die frühere Hoffnung Luthers auf eine mögliche Hinwendung von Juden zum christlichen Glauben nicht mit heutiger Toleranz oder Anerkennung verwechselt werden darf. Auch die oft angeführte Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ von 1523 wird in diesem größeren Zusammenhang neu lesbar. Sie ist kein Beleg für ein dauerhaft positives Verhältnis Luthers zum Judentum, sondern Teil einer missionarisch bestimmten Perspektive, die später in offene Feindschaft umschlug.

Gerade für evangelische Leserinnen und Leser ist dieses Buch eine Zumutung im besten Sinn. Es zwingt dazu, vertraute Lutherbilder zu prüfen. Reformation kann nicht nur als Befreiungsgeschichte erzählt werden. Sie hat auch Schattenseiten, die bis heute theologisch und kirchlich bearbeitet werden müssen. Eine ehrliche evangelische Identität wird dadurch nicht zerstört, sondern vertieft. Denn Glaubenstraditionen werden nicht dadurch glaubwürdig, dass man ihre dunklen Seiten verschweigt, sondern dadurch, dass man ihnen wahrhaftig begegnet.

Wohltuend ist, dass Leppin nicht im Ton moralischer Selbstgewissheit schreibt. Er urteilt nicht billig aus der Distanz, sondern rekonstruiert sorgfältig. Gerade dadurch wird die Kritik stärker. Wer verstehen will, wie antijüdische Denkmuster theologisch plausibel gemacht wurden, erkennt umso deutlicher, wie gefährlich religiöse Sprache werden kann, wenn sie Menschen abwertet, ausgrenzt oder ihnen die Würde abspricht.

Für Pfarrerinnen und Pfarrer, Religionslehrkräfte, Studierende der Theologie, kirchengeschichtlich Interessierte und alle, die sich mit Reformation und christlich-jüdischem Verhältnis beschäftigen, ist „Luther und die Juden“ eine wichtige Lektüre. Das Buch eignet sich nicht zur schnellen Erbauung, wohl aber zur Klärung. Es hilft, Luthers Judenfeindschaft nicht isoliert, sondern im Geflecht von Theologie, Geschichte und Wirkung zu verstehen.

So ist Volker Leppins Studie ein gewichtiger Beitrag zu einer Debatte, die für Kirche und Theologie nicht abgeschlossen sein darf. Sie erinnert daran: Protestantische Erinnerungskultur braucht Wahrhaftigkeit. Und die Auseinandersetzung mit Luthers Antijudaismus bleibt eine bleibende Aufgabe – nicht zuletzt, weil jede Form von Judenfeindschaft christlichem Glauben widerspricht.

Volker Leppin
Luther und die Juden
Antijudaismus und Proto-Antisemitismus in Spätmittelalter und Reformation

261 S.
978-3-16-200204-4
24,00 €

Mohr Siebeck

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