Meinhart, Edith: Nicht mit uns!

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Meinhart, Edith: Nicht mit uns!

Manchmal beginnt Widerstand nicht mit großen Worten, sondern mit einem klaren Satz: Nicht mit uns. In diesem Satz liegt Würde, Mut und die Weigerung, sich übergehen zu lassen. Bei den Nonnen von Goldenstein wurde daraus eine Geschichte, die weit über ein Kloster in Salzburg hinausweist. Sie erzählt von drei alten Frauen, von kirchlicher Macht, von Selbstbestimmung – und von der Frage, wem ein Leben gehört.

Edith Meinhart erzählt in „Nicht mit uns! Die unglaubliche Geschichte der Nonnen von Goldenstein“ die Geschichte von Schwester Bernadette, Schwester Regina und Schwester Rita, den letzten Augustiner-Chorfrauen im Salzburger Elsbethen. Fast 150 Jahre lang lebte ihre Gemeinschaft in Goldenstein und prägte dort eine katholische Privatschule. Dann werden die Ordensfrauen gegen ihren Willen ins Altersheim gebracht. Sie fügen sich nicht. Hinter dem Rücken ihres Oberen kehren sie in ihr Kloster zurück – und werden damit zu Symbolfiguren eines überraschenden, unbequemen und zutiefst menschlichen Widerstands.

Das Buch lebt von der Spannung zwischen scheinbarer Randgeschichte und großer Grundfrage. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es gehe um einen innerkirchlichen Konflikt, um Besitz, Zuständigkeiten, Ordensstrukturen und Altersversorgung. Doch beim Lesen wird schnell deutlich: Es geht um viel mehr. Es geht um Würde im Alter. Um das Recht, über das eigene Leben mitzubestimmen. Um das Verhältnis von Gehorsam und Gewissen. Und um eine Kirche, die sich fragen lassen muss, wie sie mit den Menschen umgeht, die ihr Leben jahrzehntelang in ihren Dienst gestellt haben.

Edith Meinhart erzählt diese Geschichte journalistisch genau und zugleich mit Gespür für die menschliche Dimension. Sie macht aus den Nonnen keine Heiligenfiguren ohne Brüche. Gerade das tut dem Buch gut. Die drei Frauen erscheinen nicht als fromme Klischees, sondern als eigenwillige, glaubensstarke und verletzliche Menschen. Ihr Widerstand kommt nicht aus Rebellion um der Rebellion willen. Er wächst aus der Erfahrung, dass ihnen ihr Zuhause, ihr Lebenswerk und ihre Selbstbestimmung genommen werden sollen.

Besonders eindrücklich ist die geistliche Tiefenschicht dieser Geschichte. Die Nonnen kämpfen nicht gegen ihren Glauben, sondern aus ihm heraus. Ihr Gottvertrauen macht sie nicht passiv. Es schenkt ihnen Standfestigkeit. Darin liegt eine wichtige Korrektur gängiger Vorstellungen von Frömmigkeit. Gehorsam ist im christlichen Sinn nicht blinde Unterwerfung. Und Demut bedeutet nicht, sich entmündigen zu lassen. Manchmal kann gerade der Widerspruch eine Form geistlicher Wahrhaftigkeit sein.

Die Geschichte von Goldenstein berührt auch die Frage nach Macht in der Kirche. Wer entscheidet über Lebensorte, Finanzen, Gemeinschaften und Berufungen? Wer spricht für wen? Wer wird gehört – und wer wird übergangen? Gerade ältere Ordensfrauen sind in kirchlichen Machtstrukturen oft wenig sichtbar, obwohl sie über Jahrzehnte Schulen, Gemeinden, Pflege, Bildung und Seelsorge mitgetragen haben. Dieses Buch gibt solchen Frauen Gesicht und Stimme.

Für kirchliche Leserinnen und Leser ist die Lektüre herausfordernd. Sie lädt nicht zu vorschnellen Urteilen ein, wohl aber zu ernsthafter Selbstprüfung. Eine Kirche, die Würde, Fürsorge und Barmherzigkeit predigt, muss sich daran messen lassen, wie sie mit Abhängigkeit, Alter, Konflikt und institutioneller Macht umgeht. Goldenstein wird so zu einem Brennglas für Fragen, die viele kirchliche Kontexte betreffen.

Zugleich ist „Nicht mit uns!“ kein düsteres Buch. Es erzählt auch von Lebensmut, Freundschaft, Humor, Hartnäckigkeit und öffentlicher Solidarität. Dass drei alte Ordensfrauen weltweit Aufmerksamkeit finden, hat etwas Erstaunliches und Hoffnungsvolles. Ihre Geschichte zeigt: Auch wer scheinbar machtlos ist, kann Wirkung entfalten. Auch im hohen Alter kann man für das eigene Leben eintreten. Und manchmal beginnt Veränderung damit, dass Menschen nicht mehr schweigen.

Der Band eignet sich für alle, die sich für Kirche, Ordensleben, Frauen in der Kirche, Machtfragen und gelebten Glauben interessieren. Er ist zugleich eine gut lesbare Reportage, ein Stück Zeitgeschichte und ein Buch über Würde. Gerade diese Verbindung macht seine Stärke aus.

So ist Edith Meinharts „Nicht mit uns!“ eine bewegende und wichtige Lektüre. Die Geschichte der Nonnen von Goldenstein erinnert daran, dass Glauben nicht mit Gefügigkeit verwechselt werden darf. Er kann Mut machen, aufzustehen, heimzukehren und zu sagen: Unser Leben gehört nicht einfach anderen. Vor Gott behalten Menschen ihre Würde – auch dann, wenn Institutionen sie übersehen.

Edith Meinhart
Nicht mit uns!
Die unglaubliche Geschichte der Nonnen von Goldenstein

224 S.
978-3-466-37376-5
18,00 €

Kösel Verlag

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