Pilnei, Oliver / Schroth, Michael: Selbständige Gemeinde – eine hilfreiche Illusion?

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Pilnei, Oliver / Schroth, Michael: Selbständige Gemeinde – eine hilfreiche Illusion?

Wie selbständig ist eine Gemeinde? Und wie selbständig darf sie sein, ohne den Zusammenhang der Kirche aus dem Blick zu verlieren? Diese Fragen berühren nicht nur freikirchliche Selbstverständnisse, sondern reichen mitten hinein in ökumenische Debatten um Kirche, Gemeinde, Leitung, Lehre und Ordnung.

Der von Oliver Pilnei und Michael Schroth herausgegebene Band „Selbständige Gemeinde – eine hilfreiche Illusion?“ widmet sich diesem Spannungsfeld. Im Mittelpunkt steht der Kongregationalismus, also jene ekklesiologische Leitüberzeugung, nach der die Ortsgemeinde in zentralen Fragen ihres Lebens eigenständig ist. Im deutschsprachigen Raum wird diese Kirchenform vor allem mit Freikirchen verbunden. Zugleich zeigt sich: Das Bild ist vielfältiger. Kongregationale Elemente finden sich auch in anderen evangelischen Kirchenformen, während umgekehrt nicht alle Freikirchen durchgängig kongregational geprägt sind.

Schon der Titel ist klug gewählt. Er stellt keine einfache Behauptung auf, sondern öffnet einen Denkraum. Ist die selbständige Gemeinde eine tragfähige Gestalt von Kirche? Ist sie ein notwendiges Korrektiv gegenüber zentralistischen Kirchenstrukturen? Oder bleibt ihre Selbständigkeit letztlich eine Illusion, weil Gemeinde immer in größere Zusammenhänge von Bekenntnis, Tradition, Recht, Lehre und ökumenischer Verantwortung eingebunden ist?

Der Band geht diesen Fragen interkonfessionell und mit praktisch-theologischem sowie ekklesiologischem Interesse nach. Dabei werden nicht nur Grundsatzfragen verhandelt, sondern auch konkrete Herausforderungen sichtbar: Welches Gemeindebild steht hinter der Rede von Selbständigkeit? Wie verhält sich gemeindliche Autonomie zur Einheit der Kirche? Wie verändert sich Leitung in spätmodernen Gesellschaften? Und wie können Gemeinden eigenständig handeln, ohne sich selbstgenügsam von anderen kirchlichen Wirklichkeiten abzukoppeln?

Gerade für Leserinnen und Leser, die aus landeskirchlicher Perspektive auf Freikirchen blicken – oder umgekehrt –, ist dieser Band anregend. Er hilft, vertraute Begriffe neu zu prüfen. „Gemeinde“ ist eben nicht überall dasselbe. Auch „Kirche“ wird je nach konfessioneller Tradition unterschiedlich verstanden. Wer ökumenisch ins Gespräch kommen will, muss diese Unterschiede nicht überspringen, sondern wahrnehmen, verstehen und theologisch verantwortlich deuten.

Die Stärke des Buches liegt darin, dass es den Kongregationalismus weder idealisiert noch vorschnell problematisiert. Die selbständige Gemeinde erscheint als verheißungsvolle, aber auch spannungsreiche Gestalt von Kirche. Sie kann Beteiligung, Verantwortung, Nähe und geistliche Mündigkeit fördern. Sie kann aber auch Fragen nach Verbindlichkeit, Einheit, gemeinsamer Ordnung und lehrmäßiger Verantwortung aufwerfen. Gerade in dieser Spannung wird das Thema theologisch fruchtbar.

Wohltuend ist, dass der Band die Frage nach selbständiger Gemeinde nicht als bloß organisatorisches Problem behandelt. Es geht nicht nur darum, wer entscheiden darf, wer leitet oder welche Strukturen gelten. Im Hintergrund steht eine tiefere ekklesiologische Frage: Wo und wie wird Kirche sichtbar? In der versammelten Ortsgemeinde? Im größeren kirchlichen Zusammenhang? In Bekenntnis, Sakrament, Verkündigung, Gemeinschaft und Sendung? Die Beiträge machen deutlich, dass keine dieser Dimensionen isoliert betrachtet werden kann.

Für theology.de ist der Band besonders interessant, weil er ökumenische Lernprozesse ermöglicht. Landeskirchen können von freikirchlicher Beteiligungskultur, gemeindlicher Verantwortung und unmittelbarer Nähe lernen. Freikirchen wiederum können durch die ökumenische Reflexion neu fragen, wie Selbständigkeit mit Verbindlichkeit, Tradition und übergemeindlicher Verantwortung zusammenhängt. So entsteht kein Gegeneinander kirchlicher Modelle, sondern ein Gespräch über unterschiedliche Gestalten des Kircheseins.

Für Theologinnen und Theologen, ökumenisch Interessierte, Leitungsverantwortliche in Kirchen und Freikirchen sowie für alle, die über die Zukunft gemeindlicher Gestalten nachdenken, bietet „Selbständige Gemeinde – eine hilfreiche Illusion?“ wichtige Impulse. Der Band ist kein leichtes Lesebuch für nebenbei, sondern ein fachlich gewichtiger Sammelband. Doch wer sich auf seine Fragestellungen einlässt, gewinnt ein differenziertes Verständnis dafür, wie viel auf dem Spiel steht, wenn von Gemeinde, Kirche und Selbständigkeit die Rede ist.

So ist „Selbständige Gemeinde – eine hilfreiche Illusion?“ ein wichtiger Beitrag zur ökumenischen Ekklesiologie. Der Band zeigt: Die Frage nach der selbständigen Gemeinde ist keine innerfreikirchliche Spezialfrage. Sie betrifft das Verständnis von Kirche insgesamt – und damit auch die Frage, wie Christinnen und Christen heute gemeinsam, verbindlich und glaubwürdig Kirche leben können.

Oliver Pilnei / Michael Schroth
Selbständige Gemeinde – eine hilfreiche Illusion?Interkonfessionelle Erkundungen zum Verhältnis von Kirche und Gemeinde mit Fokus auf kongregationalistische Freikirchen
Beihefte zur Ökumenischen Rundschau (BÖR), Band 148

306 S.
978-3-374-08036-6
58,00 €

Evangelische Verlagsanstalt

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