Stößinger, Edwin: Zur marxistischen Beurteilung religiöser Musik
Stößinger, Edwin: Zur marxistischen Beurteilung religiöser Musik
Religiöse Musik ist ein merkwürdiges Zeugnis. Sie kann bekennen, trösten, erheben, ordnen, überwältigen, auch vereinnahmen. Sie kann Gotteslob sein und zugleich Ausdruck einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung. Wer sie nur fromm hört, übersieht ihre geschichtlichen Spannungen. Wer sie nur ideologiekritisch liest, verfehlt ihre geistliche und ästhetische Kraft. Edwin Stößingers Studie „Zur marxistischen Beurteilung religiöser Musik. Von urgeschichtlicher Kultmusik bis zum Gospelsong“ setzt genau an dieser spannungsreichen Stelle an. Das Buch untersucht, wie marxistische Musikwissenschaftler religiöse Musik beurteilt haben. Das ist zunächst ein ungewöhnlicher Blickwinkel. Marxistische Religionskritik war ausdrücklich atheistisch geprägt. Dennoch bedeutete das keineswegs, dass religiöse Musik pauschal als wertlos abgetan wurde.
Gerade diese Differenzierung macht das Thema fruchtbar. Stößinger zeigt, dass marxistische Musikwissenschaftler religiöse Musik durchaus ernst nahmen: als historische Quelle, als kulturelle Leistung, als Ausdruck sozialer Verhältnisse, als Träger humanistischer Traditionen, aber auch als mögliches Medium von Herrschaft, Propaganda und ideologischer Stabilisierung. Dadurch entsteht ein weiter Blick auf Musikgeschichte, der weder in kirchlicher Binnenperspektive noch in antireligiöser Polemik aufgeht. Der Band ist in seinem Zugriff breit angelegt. Zunächst werden Begriffe, Kriterien sowie theoretische und ideologische Voraussetzungen geklärt. Danach führt die Untersuchung durch die Musikgeschichte. Das Spektrum reicht von urgeschichtlicher Kultmusik über nichtchristliche religiöse Musikkulturen, Kirchenmusik und geistliche Musik bis hin zu religiösen Werken des 20. Jahrhunderts. Auch Musikpraxis mit Bezügen zu Magie, alten Kulten und Mythologien wird einbezogen.
Damit wird das Buch zu mehr als einer Spezialstudie über Marxismus und Musik. In gewisser Weise entsteht eine Geschichte religiöser Musik im Spiegel marxistischer Deutung. Dieser Spiegel ist nicht neutral, aber gerade deshalb interessant. Er zeigt, welche Maßstäbe marxistische Autoren anlegten, welche Werke sie würdigten, wo sie humanistische Traditionen erkannten und wo sie religiöse Musik als ideologisch problematisch beurteilten. Für Theologie und Kirche ist dieser Blick lehrreich. Religiöse Musik lebt nicht nur vom Inhalt ihrer Texte oder vom Gebrauch im Gottesdienst. Sie steht in sozialen Räumen. Sie ist mit Macht, Bildung, Frömmigkeit, Volkskultur, Repräsentation und Erinnerung verbunden. Wer Kirchenmusik verstehen will, muss auch fragen, welche Menschen sie hören, wer sie aufführt, welche Weltbilder in ihr mitschwingen und welche Formen von Gemeinschaft sie stiftet.
Stößingers Studie erinnert zugleich daran, dass Religionskritik nicht zwangsläufig oberflächlich sein muss. Gerade marxistische Autoren konnten religiöse Kunst und Musik mit großer Sachkenntnis untersuchen. Ihre Kritik blieb scharf, aber sie suchten in religiösen Werken auch nach Spuren von Humanität, Leidensbewusstsein, Protest, Hoffnung und menschlicher Würde. Für christliche Leserinnen und Leser ist das eine produktive Irritation. Was erkennt ein kritischer Außenblick, was die vertraute Binnenperspektive leicht übersieht?
Besonders reizvoll ist der Gedanke des Erbes. Marxistische Musikwissenschaftler fragten, welche humanistischen Traditionen in religiöser Musik aufgehoben sind und wie dieses Erbe gepflegt werden kann. Auch wenn ihr weltanschaulicher Ausgangspunkt ein anderer war, berührt diese Frage ein zentrales theologisches Interesse: Welche Musik dient dem Menschen? Welche Musik bewahrt Erfahrungen von Leid, Trost, Sehnsucht und Befreiung? Welche Musik hält eine Ahnung davon wach, dass der Mensch mehr ist als Funktion, Arbeit und Ideologie?
Die Untersuchung dürfte besonders für Musikwissenschaftler, Kirchenmusikerinnen, Theologen, Religionspädagoginnen und kulturgeschichtlich interessierte Leserinnen und Leser ergiebig sein. Sie lädt dazu ein, bekannte Werke neu zu hören und weniger bekannte Zeugnisse zu entdecken. Wer sich mit Gregorianik, Kirchenlied, Psalmodie, Palestrina-Stil, Bach, Händel, Haydn, Gospel oder religiös geprägten Musikkulturen beschäftigt, findet hier einen ungewöhnlichen Deutungsrahmen. Der Band steht zugleich in einem größeren Arbeitszusammenhang Edwin Stößingers. Seine weiteren Titel – etwa „Zur marxistischen Beurteilung religiöser Kunst“, „Zur Marxismuskritik sozialistischer Theologen“, „Zur Theologiekritik atheistischer Marxisten“, „Zur Theologiekritik im Marxismus“, „Die Theologiekritik von Hans Heinz Holz“ und „Dorothee Sölle – eine intellektuelle Biographie“ – zeigen, wie intensiv er seit Jahren an den Schnittstellen von Marxismus, Theologie, Religionskritik, Kunst und Kultur arbeitet. Das neue Buch erweitert dieses Feld um die Musik.
Die Lektüre verlangt Interesse an Theoriegeschichte und eine Bereitschaft, sich auf ein umfangreiches Material einzulassen. Doch gerade diese Materialfülle ist der Gewinn. Stößinger macht sichtbar, dass die Aufarbeitung marxistischer Musikgeschichte noch nicht abgeschlossen ist. Zugleich zeigt er, dass religiöse Musik auch dort Bedeutung behält, wo sie nicht als Glaubenszeugnis geteilt wird.
So ist „Zur marxistischen Beurteilung religiöser Musik“ ein eigenständiger und materialreicher Beitrag zu einem selten behandelten Thema. Edwin Stößinger öffnet einen Blick auf religiöse Musik, der kritisch, historisch und kulturwissenschaftlich zugleich ist. Wer Kirchenmusik und geistliche Musik nicht nur hören, sondern auch in ihren Deutungs- und Wirkungsgeschichten verstehen will, findet hier eine anspruchsvolle und anregende Studie.
Edwin Stößinger
Zur marxistischen Beurteilung religiöser Musik
Von urgeschichtlicher Kultmusik bis zum Gospelsong
Studien zur Musikwissenschaft, Band 61
364 S.
978-3-339-15040-0
99,80 €