Thoms, Martin: Die biblische Urgeschichte

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Thoms, Martin: Die biblische Urgeschichte

Die biblische Urgeschichte erzählt nicht einfach, „wie alles einmal war“. Sie fragt danach, was den Menschen ausmacht: seine Würde und seine Verletzlichkeit, seine Freiheit und seine Verantwortung, seine Scham, seine Gewaltfähigkeit, seine Sehnsucht nach Ordnung und seine Gefährdung durch Macht. Wer Genesis 1–11 liest, begegnet deshalb nicht nur alten Texten, sondern Grundfragen menschlichen Lebens.

Martin Thoms widmet sich in „Die biblische Urgeschichte. Spiegel der Menschheit. 14 Essays“ den ersten Kapiteln der Bibel in essayistischer Form. Diese Form passt gut zum Gegenstand. Die Urgeschichte wird nicht wie ein abgeschlossenes Archivstück behandelt, sondern als Denkraum eröffnet. Die Essays fragen danach, wie diese alten Erzählungen heute gelesen werden können, ohne sie zu verflachen, zu historisieren oder fundamentalistisch zu missverstehen.

Im Mittelpunkt stehen vertraute Texte: Schöpfung, Paradies, Kain und Abel, Sintflut, Noah, Babel. Doch Thoms liest sie nicht als einfache Ursprungserzählungen, sondern als Spiegel menschlicher Existenz. Die Texte erzählen von Beziehung und Grenze, von Freiheit und Schuld, von Gewalt und Verantwortung, von Sprache, Macht, Geschlecht, Würde und dem menschlichen Drang, sich selbst und die Welt zu deuten. Gerade dadurch gewinnen sie neue Aktualität.

Besonders stark ist der Zugriff, die Urgeschichte nicht als naturkundlichen Bericht zu lesen. Die Frage ist nicht, ob Genesis moderne Wissenschaft ersetzen könnte. Sie kann und will es nicht. Ihre Kraft liegt woanders: in der theologischen Deutung des Menschen vor Gott. Wer die Urgeschichte so liest, entdeckt keine überholte Weltentstehungslehre, sondern dichte Erzählungen über das Menschsein. Sie sagen nicht alles über die Entstehung der Welt, aber viel über die Bedingungen menschlichen Lebens.

Thoms scheut dabei pointierte Deutungen nicht. Manche vertrauten Auslegungen werden infrage gestellt. Das kann irritieren, ist aber produktiv. Denn viele Menschen kennen die Urgeschichte durch Kinderbibeln, kirchliche Traditionen oder vereinfachende Lehrsätze. Das Buch lädt dazu ein, genauer zu lesen: Was steht tatsächlich im Text? Was haben spätere Deutungen daraus gemacht? Und welche theologischen Möglichkeiten eröffnen sich, wenn man die Erzählungen neu befragt?

Wohltuend ist, dass die Essays nicht den Eindruck erwecken, die alten Texte müssten modernisiert werden, um noch Bedeutung zu haben. Vielmehr wird sichtbar: Sie sind schon in sich vielschichtig, offen und überraschend. Die Urgeschichte braucht keine künstliche Aktualisierung. Sie berührt Gegenwartsfragen, weil sie Grundfragen stellt: Wie entsteht Vertrauen? Wo beginnt Gewalt? Was bedeutet Scham? Wie gehen Menschen mit Macht um? Und was heißt es, als Geschöpf zu leben?

Für theology.de ist dieser Band besonders interessant, weil er einen Zugang zur Bibel eröffnet, der zugleich kritisch und glaubensnah ist. Er nimmt die Texte ernst, ohne sie wörtlichistisch zu verengen. Er fragt theologisch, ohne in abstrakte Dogmatik auszuweichen. Und er zeigt, dass biblische Texte ihre Lebendigkeit gerade dann entfalten, wenn man sie nicht vorschnell erklärt, sondern ihnen zutraut, Fragen zu stellen.

Auch für die Gemeindearbeit kann das Buch anregend sein. Die Urgeschichte gehört zu den bekanntesten Textbereichen der Bibel – und zugleich zu den am meisten missverstandenen. Für Predigt, Bibelkreis, Erwachsenenbildung und Religionsunterricht bieten die Essays Impulse, um vertraute Geschichten neu ins Gespräch zu bringen. Gerade weil sie zugespitzt und deutend geschrieben sind, können sie Diskussionen eröffnen.

So ist „Die biblische Urgeschichte“ ein frischer und zugleich ernsthafter Zugang zu Genesis 1–11. Martin Thoms zeigt: Diese Texte sind nicht erledigt, weil wir heute anders über Weltentstehung, Geschichte und Menschheit wissen. Im Gegenteil: Gerade wenn man sie nicht als Tatsachenberichte missversteht, können sie ihre eigentliche Kraft entfalten – als Erzählungen, die uns helfen, Menschsein vor Gott tiefer zu verstehen.

Martin Thoms
Die biblische Urgeschichte
Spiegel der Menschheit. 14 Essays

240 S.
978-3-374-08051-9
25,00 €

Evangelische Verlagsanstalt Leipzig

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