Zum Engel werden
Zum Engel werden
Ist Giorgia Meloni ein Engel?
Ein unbekannter Künstler hat die italienische Ministerpräsidentin jedenfalls so gesehen – und verewigt. In der römischen Basilika San Lorenzo in Lucina, unweit der Spanischen Treppe, trug ein restaurierter Engel plötzlich das Gesicht der Regierungschefin. In den Händen hielt die geflügelte Himmelsbotin eine Schriftrolle. Die Zeitung La Repubblica berichtete darüber, bald folgten internationale Medien. Fotos verbreiteten sich, Touristinnen und Touristen kamen gezielt in die Seitenkapelle – der „Meloni-Engel“ wurde für kurze Zeit zur Attraktion.
Meloni selbst reagierte mit Humor und kommentierte auf Instagram, sie sehe eigentlich nicht wie ein Engel aus. Der Vatikan hingegen nahm die Sache weniger gelassen. Es kam zu Prüfungen und Debatten, schließlich zur Entscheidung: Anfang 2026 wurde das Gesicht übermalt. Damit war der Spuk offiziell beendet. Nun ist Meloni kein (gemalter) Engel mehr.
Ganz neu ist dieses Phänomen allerdings nicht. Kirchenkunst hat immer wieder zeitgenössische Gesichter aufgenommen. Der Bayerische Rundfunk erinnerte jüngst daran, dass Mäzene, Herrscher und politische Persönlichkeiten seit Jahrhunderten in sakralen Darstellungen auftauchen – von den Fuggern in der Renaissance bis hin zu heutigen Politikern. Stifter ließen sich kniend unter Heiligen darstellen, Fürsten traten als fromme Förderer in Erscheinung. Manchmal geschah das aus ehrlicher Frömmigkeit, manchmal aus Repräsentationsbedürfnis, oft aus einer Mischung aus beidem. Kunst war nie völlig unpolitisch – und Kirche nie völlig weltabgewandt.
Gerade deshalb ist der römische Engel mehr als nur eine kuriose Anekdote. Er berührt eine empfindliche Grenze zwischen politischer Macht und religiöser Symbolik. Ein Engel ist in der biblischen Tradition kein dekoratives Beiwerk. Engel sind Boten Gottes, Mahner, Beschützer, manchmal auch Ankündiger von Gericht. Wer einen Engel malt, malt ein Ideal. Wer ihm ein konkretes Gesicht gibt, setzt ein Zeichen – bewusst oder unbewusst.
In dieser Spannung liegt die eigentliche Skurrilität des Vorgangs. Eine amtierende Regierungschefin erscheint als Himmelsbotin. Macht bekommt Flügel. Das wirkt auf den ersten Blick amüsant, vielleicht sogar harmlos. Doch zugleich schwingt eine symbolische Aufladung mit, die nicht ohne Brisanz ist. Dass das Gesicht schließlich übermalt wurde, macht die Geschichte nicht weniger bemerkenswert. Es bleibt der Eindruck eines kurzen Moments, in dem ausprobiert wurde, wie sich ein Heiligenschein anfühlt – bevor man ihn wieder entfernte.
Doch nun ist Meloni kein Engel mehr, zumindest nicht in diesem Gemälde. Aber vielleicht liegt die Pointe tiefer. Wie schön wäre es gewesen, wenn das Bild ihr zum Vor-Bild geworden wäre. Ein Engel steht nicht für parteipolitische Interessen oder nationale Machtspiele. Er steht für Schutz, Gerechtigkeit, Frieden und Hoffnung – gerade in krisenhaften Zeiten. Vielleicht hätte man das Fresko nicht als Ehrung lesen müssen, sondern als Anspruch: So möge Politik sein.
Und vielleicht hätten sich auch andere an dieser Aus-Zeichnung ein Vorbild nehmen können. Nicht, um sich selbst mit Flügeln zu schmücken, sondern um engelhaft zu handeln – verantwortungsvoll, dienend, dem Gemeinwohl verpflichtet. Das wäre weniger skurril gewesen als ein gemalter Engel mit Politikerinnengesicht – und zugleich sehr viel nötiger.
Februar 2026