Zwei neue Augustinus-Predigten entdeckt – ein Fund zwischen Paläographie, Zuschreibungsarbeit und theologischer Sprengkraft

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Zwei neue Augustinus-Predigten entdeckt: Wie der Fund gelang, warum die Zuschreibung schwierig ist und was die Texte für Theologie und Forschung bedeuten.

Zwei neue Augustinus-Predigten entdeckt – ein Fund zwischen Paläographie, Zuschreibungsarbeit und theologischer Sprengkraft

An der Universität Würzburg werden derzeit lateinische Handschriften ediert, die in ihrer äußeren Gestalt aus dem 12. Jahrhundert stammen, inhaltlich jedoch sehr viel ältere Texte überliefern. Aus einem zunächst routinemäßigen Leseauftrag wurde dabei ein bemerkenswerter Befund: Zwei bislang unbekannte Predigten wurden in einer Predigtsammlung identifiziert und können mit guten Gründen dem Kirchenvater Augustinus (354–430) zugeschrieben werden.

Der Fund ist nicht nur eine philologische Nachricht. Er berührt Grundfragen christlicher Theologie (u. a. Exegese, Dämonologie, Theodizee) und liefert zugleich neues Material, um Augustinus als Prediger in der konkreten Kommunikationssituation seiner Gemeinde besser zu verstehen.

1. Fundkontext: Pelplin, Bad Doberan und ein „gewöhnlicher“ Arbeitsauftrag

Ausgangspunkt war ein Anruf im Jahr 2024: Prof. Christian Tornau (Klassische Philologie/Latinistik, Universität Würzburg) wurde gebeten, eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert zu entziffern, die ursprünglich zur Abtei Bad Doberan gehörte und heute im Tochterkloster Pelplin (Polen) aufbewahrt wird.

Die Handschrift enthält sechs Predigten, die Augustinus zugeschrieben sind. Bei der Arbeit am Text zeigte sich: Zwei dieser Predigten waren in der bisherigen Forschung nicht nachweisbar – es handelt sich nach heutigem Stand um unentdeckte Augustinus-Schriften.

Die Erstedition entsteht in Zusammenarbeit mit dem Editionsunternehmen CSEL (Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum), das kritische Editionen lateinischer christlicher Texte publiziert.

2. Warum „unbekannt“ nicht automatisch „Augustinus“ bedeutet: Die Schwierigkeit der Zuschreibung

Dass ein Text „neu“ ist, lässt sich heute relativ schnell prüfen – u. a. durch Abgleich mit digitalen Korpora und Datenbanken. Die eigentliche Herausforderung beginnt jedoch erst dann: Ist der Text auch wirklich augustinisch?

Denn die mittelalterliche Überlieferung ist ambivalent. Tornau weist (in der öffentlichen Berichterstattung) ausdrücklich darauf hin, dass es zahlreiche mittelalterliche Predigten gibt, die Augustinus zugeschrieben werden, ohne von ihm zu stammen. Genau deshalb ist die Zuschreibung nicht bloß eine Frage des Rubrums („Predigt des Augustinus“), sondern eine komplexe kritische Gesamtbewertung.

In Würzburg wurde entsprechend behutsam vorgegangen: Stil, Gedankenführung, Rhetorik und sprachliche Eigenarten wurden geprüft; hinzu kam eine breit angelegte fachliche Diskussion. Auch die Universitätsmeldung betont, dass Tornau den Text zusammen mit dem Augustinus- und Editions-Experten Clemens Weidmann analysierte und im Herbst 2025 in Wien eine Sommerschule/Fachrunde organisierte, bei der rund 20 Latinistinnen und Latinisten die Echtheit diskutierten – Ergebnis: Konsens über die Authentizität der beiden Predigten.

Ein prägnantes Fazit aus dieser Arbeit lautet sinngemäß: Es gebe nichts in den Texten, was gegen Augustinus spräche – und vieles (Stil, Witz, didaktische Anlage), das deutlich auf ihn hinweise.

3. Inhaltliches Zentrum: Saul, die „Hexe von Endor“ und das Theodizee-Problem

Beide Predigten kreisen um eine der irritierendsten Erzählungen des Alten Testaments: 1 Sam 28, Saul und die „Wahrsagerin/Hexe von Endor“. Saul steht vor der Schlacht gegen die Philister, Gott antwortet nicht, und Saul wendet sich an eine Totenbeschwörerin, die den (vermeintlichen) Geist des Propheten Samuel herbeiruft.

Genau hier setzt die theologische Brisanz an: Wie kann eine Totenbeschwörerin den Geist eines Propheten „rufen“? Tornau formuliert das Problem ausdrücklich als Theodizee-Frage: Wie kann ein allmächtiger Gott das zulassen – oder ist er dann überhaupt allmächtig?

Die Predigten spielen mit klassischen Auslegungsoptionen:

* Täuschung/Trug (die Szene wäre „inszeniert“ oder dämonisch verfälscht), oder

* Zulassung durch Gott (Gott lässt das Geschehen zu, etwa als Warnung/gerichtliche Zusage).

Bemerkenswert ist die didaktische Anlage als Predigtpaar: Die erste Predigt (Sonntag) endet mit der offenen Frage und den Optionen; die zweite (Mittwoch) wägt weiter ab. So entsteht keine schnelle „Lösung“, sondern ein Raum, in dem Hörerinnen und Hörer mitdenken und urteilen lernen.

4. Überlieferungsgeschichte: Warum eine Handschrift des 12. Jahrhunderts überrascht

Auch die Rekonstruktion der Textwege ist anspruchsvoll. Tornau hält fest, dass eine Abschrift im 12. Jahrhundert ungewöhnlich sei; typischer wären frühere Abschriften (8./9. Jh.).

Als mögliche Vorlage kommt nach seiner Analyse eine Vorgängerversion aus dem Kloster Amelungsborn in Betracht: Ein alter Katalog erwähnt Texte mit passenden Überschriften und gleicher Abfolge. Vollständig verifizieren lässt sich das jedoch nicht, weil der Bibliotheksbestand Amelungsborns im Dreißigjährigen Krieg verbrannte.

Gerade solche Lücken zeigen, warum Zuschreibungsarbeit nie nur „Datenbanktreffer“ ist, sondern oft das Zusammenspiel aus Paläographie, Kodikologie, Traditionsgeschichte und Stilurteil erfordert.

5. Theologische Bedeutung: Was zwei Predigten „mehr“ leisten können

Warum ist das mehr als ein Spezialthema für Augustinus-Forschung?

(1) Augustinus als Prediger im Vollzug

Predigten sind keine Traktate. Sie zeigen Theologie im Modus der öffentlichen Glaubenskommunikation: situativ, pastoral, rhetorisch pointiert. Die neu entdeckten Texte erlauben es, Augustinus’ Predigtstrategie in einer besonders anspruchsvollen biblischen Passage neu zu beobachten – einschließlich der bemerkenswerten Freiheit, das Publikum nicht mit einem fertigen Urteil zu entlassen, sondern es in Verantwortung zu setzen.

(2) Exegese an den Grenzen des Sagbaren

1 Sam 28 berührt Grenzthemen: okkulte Praktiken, Gottes Schweigen, Gerichtsankündigung. Dass Augustinus diese Perikope homiletisch bearbeitet, ist theologisch aufschlussreich – nicht zuletzt für die Frage, wie die Alte Kirche „anstößige“ Texte in die Verkündigung integriert, ohne sie zu banalisieren.

(3) Theodizee im Predigtmodus

Die Predigten verbinden eine konkrete biblische Erzählung mit einer Grundfrage: Wie ist Gottes Macht und Güte angesichts des Bösen zu denken? Dass dies nicht abstrakt, sondern über eine Erzählung verhandelt wird, macht den Fund auch für systematisch-theologische und praktisch-theologische Fragestellungen interessant.

(4) Mehrwert für Forschung und Lehre

Selbst wenn die Augustinus-Forschung bereits hunderte Predigten kennt, ist jede gesicherte Neuentdeckung ein Gewinn: Sie erweitert das Corpus, schärft stilistische Profile, erlaubt neue Vergleichsreihen (z. B. zu Dämonologie/Exegetik) und wird durch die kritische Edition für Forschung und akademische Lehre belastbar zugänglich.

6. Ausblick: Kritische Edition (CSEL) und Rezeption

Die Universität Würzburg rechnet mit einer Veröffentlichung der Edition Ende 2026 bei CSEL. Damit werden Text, Apparat, Überlieferung und Echtheitsargumentation in einer Form vorliegen, die weitere Diskussionen (z. B. zur Datierung, zur Predigtsituation oder zur theologischen Pointe) fundiert ermöglicht.

Quellen:

Julius-Maximilians-Universität Würzburg (einBLICK): „Zwei neue Augustinus-Predigten entdeckt“, 02.06.2026.

Bayerischer Rundfunk (BR Kultur), Simon Berninger: „Sensationsfund begeistert Augustiner – und auch den Papst?“, Beitrag vom 08.06.2026 (Text freundlicherweise vom Auftraggeber bereitgestellt).

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